Splitter 7

TODESURSACHE UNBEKANNT

Rainer Castor

bislang unveröffentliche Kurzgeschichte, März 1996
 
 

PROLOG

Intensivstation.

Der Mann auf dem Bett war von summenden, pfeifenden und klickenden Geräten umgeben. Aus hochhängenden Tröpfen rannen Flüssigkeiten durch transparente Schläuche zu den Ellenbeugen. Über Monitoren huschten Kurven, Blibs und Peaks, mit denen Herztätigkeit und die Hirnströme, Blutdruck, Atemfrequenz und eine Reihe weiterer Parameter angezeigt wurden.

Neben dem Krankenbett saß ein Arzt und überwachte die Anzeigen. Eigentlich wäre dies die Aufgabe einer Schwester gewesen, aber in diesem speziellen Fall wollte man zu jeder Zeit einen ausgebildeten Mediziner an Ort und Stelle wissen. Ein kritisches Stadium war erreicht.

Vereinzelt warf der Arzt einen Blick auf den reglos Liegenden, der inmitten der Geräte, Kabel und Schläuche verloren wirkte; klein, unscheinbar und – sehr alt.

Welch ein Unterschied, dachte der Arzt. Noch vor wenigen Tagen...

Nun war die Haut wächsern und bleich. Als er in die Klinik eingeliefert wurde, sah er aus wie ein Dreißigjähriger. Er befand sich in einem Dämmerzustand, seine Identität war bis jetzt nicht bekannt – als er in einer Seitenstraßen aufgefunden wurde, trug er weder Papiere noch sonstige Dinge bei sich, die auf seinen Namen, seine Herkunft oder sein früheres Leben einen Hinweis gegeben hätten. Kein Geld, keine Armbanduhr, sogar die Kleideretiketten waren herausgetrennt. Die Polizei kam mit ihren Ermittlungen nicht voran, und die Mediziner standen vor einem Rätsel: Seit der Mann in einen komaähnlichen Zustand gefallen war, alterte er unglaublich schnell. Eine organische Ursache hatten die Untersuchungen nicht ergeben, keine Störung des Zentralnervensystems, keine Vergiftung, keine Hormonveränderungen – eigentlich hätte er gesund und munter sein müssen.

Wenn die geheimnisvolle Alterung im gleichen Maß fortschritt, würde der Unbekannte noch in dieser Nacht sterben. Um wenigstens einen vagen Begriff von den Vorgängen zu bekommen, sprachen die Ärzte von rapider Nekrobiose, obwohl mit Nekrobiose normalerweise nur das langsame Absterben einzelner Zellen umschrieben wurde.

»Hier dagegen ist der gesamte Körper betroffen«, murmelte der Arzt. »Und das Zellsterben erfolgt mit extremer Geschwindigkeit. Was ist die Ursache, verdammt?«

Alle Analysen auf chemischer, bakteriologischer und virologischer Ebene zeigten negativen Befund; die Ursache der beschleunigten Alterung blieb undefinierbar.

Man kannte zwar jene seltene Krankheit, die Kinder zu Greisen werden ließ – das Hutchinson-Gilford-Syndrom, auch Progeria Infantilis oder »greisenhafter Zwergwuchs« genannt –, aber selbst hierbei handelte es sich um Vorgänge, die Jahre beanspruchten, nicht Tage.

Die Ärzte waren sich einig darüber, daß die primäre Todesursache unbekannt bleiben würde. Sekundär mußte wohl im Abschlußbericht Herz-Kreislaufversagen eingetragen werden; aber das war nur die Folgeerscheinung der rapiden Nekrobiose.

Der Arzt seufzte. »Ob die Obduktion mehr Klarheit bringt, steht auch in den Sternen.«

So unklar die Ursache – so hilf- und ratlos die Behandlungsversuche. Modernste Technik konnte den Verfall nicht stoppen. Man sah sich einem Phänomen gegenüber, das in dieser Form einmalig war, und manch ein Beteiligter zweifelte an seinem Verstand. Was nicht sein kann, darf nicht sein. Das Behandlungszimmer wurde gemieden, Assistenzärzte und Pflegepersonal tuschelte, bedeutungsvolle Blicke wurden gewechselt, wildeste Gerüchte waren im Umlauf. Und die Koryphäen hoben ratlos die Schultern. Die Vorgänge widersprachen allen physikalischen und chemischen Gesetzen. Biologisch lebende Materie hatte sich so nicht zu verhalten.

Der wachhabende Arzt musterte den Sterbenden: Das strähnige Haar war schlohweiß geworden. Stark gelichtete Stellen an Stirn und Hinterkopf waren ebenso Altersanzeichen wie die dunklen Flecken. Unzählige Runzeln, Furchen und Linien zeichneten das eingefallene Gesicht. Schweißperlen glänzten auf der Stirn. Ober- und unterhalb der schmalen Lippen waren senkrechte Kerben zu sehen, die auf bizarre Weise an die Nähte eines südamerikanischen Schrumpfkopfes erinnerten. Drei Zähne waren dem Patienten schon ausgefallen, die anderen wackelten. Mit jeder Stunde trocknete der Körper immer mehr aus, verschrumpelte und verwandelte sich zunehmend in eine – noch – lebende Mumie.

»Wer ihn jetzt sieht, hält ihn für einen Neunzigjährigen!« knurrte der Mediziner. Seit einigen Minuten zuckten unter faltig-dünnen Lidern die Augäpfel in REM-Phase: Rapid Eye Movements. »Offenbar träumt er intensiv. Trotz seiner tiefen Bewußtlosigkeit.«

Aufweckversuche waren vergeblich gewesen, es gab keine Reaktion. Zum dritten Mal in den letzten vierundzwanzig Stunden zeigte der Monitor des Elektroencephalogramms die gleiche Entwicklung: Aus großen, langsamen Deltawellen des »Tiefschlafes« waren zunächst Deltawellen mit sogenannten K-Komplexen entstanden, dann aber Thetawellen, die gewöhnlich der Einschlafphase entsprachen. Als sich jetzt Blutdruck- und Atemfrequenzwerte steigerten, wurde der Arzt unruhig.

»Was geht nur in ihm vor?« Er leckte nervös die Lippen und meinte, daß sein Magen von Schmetterlingen erfüllt zu sein schien. Die Überwachungsgeräte lieferten hektischere Werte, und er war zur Tatenlosigkeit verdammt. Er konnte nichts tun. Der Arzt rang einen kurzen Anfall der Panik nieder; Angst durchzog ihn für Augenblicke – ein kühles Schaudern. Das Unbekannte, Fremde schien einem Eishauch gleich durch den Raum zu wabern.

Die Kurven des EEG wiesen immer größere Amplituden auf, ihre Frequenz änderte sich rasch. Der angeschlossene Computer, in dem die Daten der vielen Biosensoren gesammelt und ausgewertet wurden, registrierte ein Überschreiten der Warnmarkierung bei mehreren Parametern. Optisch und akustisch wurde ALARM ausgelöst. Es war eine automatische Maßnahme, die dem Arzt seine Hilflosigkeit noch bewußter machte; fahrig fuhr er übers Gesicht und keuchte:

»Was passiert mit ihm? Was denkt oder träumt er?«

Nach fünf Minuten deutete sich das Crux Mortis an – die Kreuzung der grafisch dargestellten absteigenden Fieberkurve mit der ansteigenden Linie des Pulses; ein Zeichen des drohenden Todes.

Plötzlich: Unter Knistern und Zischen stiegen aus einem Überwachungsgerät Stichflammen und Rauchwolken. Sprühende Funken: weitere Kurzschlußentladungen. Der Arzt zuckte zusammen und fluchte laut. Für Augenblicke war er vom Patienten abgelenkt. Als er sich ihm wieder zuwandte, starrten ihn blutunterlaufene Augen an, weit geöffnet und mit einem Blick, der den Mann bis ins Mark traf. Es war wilder Triumph, der in den Augen leuchtete, und der Mund öffnete sich zum gellenden Lachen. Dann schlossen sich die Lider, und im gleichen Moment verkündete der anhaltende Piepton den Exitus.

Der Arzt krächzte kraftlos. Um nicht den Verstand zu verlieren, handelte er, eilte zum Feuerlöscher und bekämpfte den Schwelbrand. Aufstäubendes Löschpulver konnte dem Patienten nicht mehr schaden – er war tot.

Wieder und wieder sah der Arzt die geröteten Augen vor sich, diesen glitzernden, durchdringenden Blick, und in seinen Ohren rauschte das wilde Lachen wie gewaltige Meeresbrandung. Abermals glaubte der Mann, von eisiger Kälte umhüllt zu werden; für Sekundenbruchteile war in den Augen des Patienten ein Widerschein dessen gewesen, was das Rätsel seines Falles ausmachte. Größer, fremdartiger und umfassender als alles Irdische...
 
 


 

 

1.



 

»Unglaublich!« entfuhr es mir. Mein Blick glitt über den Mann. Niemand sah der hageren, irgendwie tolpatschig erscheinenden Gestalt mit dem schütteren Haarkranz und der randlosen Brille an, welch ein brillanter Geist sich dahinter verbarg.

»Ich hab’s Ihnen ja gesagt.« Seine Stimme klang näselnd. Befriedigung schwang in den Worten mit. Professor Merkanier wiederholte: »Ich hab’s gesagt.«

Er war als überaus schrullig verschrien und von der sogenannten Fachwelt nicht akzeptiert. Doch was sich vor meinen Augen abspielte, überzeugte mich mehr als bösartige Kommentare und fachwortgespickte Pamphlete anerkannter Koryphäen – besser gesagt von Leuten, dich sich dafür hielten, deren Hauptkompetenz aber vermutlich weniger fachspezifisch war, als vielmehr jenem Bereich zuzuordnen, den ein Freund mal ironisch mit dem Begriff Analakrobatik umschrieben hatte.

»Ja«, sagte ich.

Der Raum glich einem exotischen Treibhaus. Die Luft war schwül, feuchtwarm, erfüllt von den Düften der Pflanzen, bewässertem Humus und den Ausdünstungen leuchtender Blumen. Vom tischähnlichen Kasten erhoben sich ein Dutzend Orchideen mit bizarr geschwungenen Blüten in roten, blauen, gelben und weißen Farben. Ich hielt es jedenfalls für Orchideen. Daß es keine der sonst üblichen waren, verdeutlichten die Spielmurmeln, die scheinbar schwerelos über den Blumen tanzten und einen unwirklichen Reigen vollzogen.

Der Professor warf mir einen verschmitzten Blick zu, seine Stimme besaß ironischen Unterton, als er sagte: »Da staunen Sie, mein Lieber, nicht wahr?«

Ich konnte nur nicken. Vor ein paar Wochen hatte ich zum ersten Mal von dem Biochemiker gehört und meine Recherchen begonnen. Als freier Journalist, der seine Artikel den verschiedensten Fachzeitschriften aus Naturwissenschaft und Technik zusandte, mußte man stets die Ohren spitzen und die Augen offenhalten. Häufig schlummerten in manchem Kleinlabor große Entdeckungen gemächlich vor sich hin. Diesmal schien mich mein Riecher nicht getäuscht zu haben – ich war einer überaus faszinierenden Angelegenheit auf der Spur.

»Nun ja« – Merkanier räusperte sich – »Meine kleinen Lieblinge sind wirklich was besonderes!«

»Wie haben Sie das... gemacht?«

»Mein Geheimnis! Nur soviel: Durch gewisse biochemische Änderungen der DNA ist es mir gelungen, diese Orchideen umzuformen. Jetzt sind esPsi-Symbionten

»Symbionten...« Ich reagierte verunsichert und mußte mir sein wohlwollendes Kichern gefallen lassen. Die Augen des Mannes sprühten förmlich vor Begeisterung.

»Sie denken an Parasiten, Verehrtester, an Schmarotzer, die nur nehmen und den Wirt zerstören. Ich aber spreche von Symbiose, das ist ein beträchtlicher Unterschied. Hierbei geben beide und erhalten auch etwas. Symbiose ist – das nur nebenbei – in der Natur weit verbeitet. Es gibt zum Beispiel Bakterien, die einigen Pflanzen zur Verarbeitung des Luftstickstoffs dienen. Ameisen halten sich Blattläuse, melken sie und bieten ihrerseits Schutz vor Raubinsekten. Eine lange Liste. Die Beispiele sind Legion. Bei meiner Psiolflora nehmen die Symbioseorchideen meine Gedanken auf, während sie im Gegenzug mit paranormaler Aktivität reagieren. Sie sehen ja selbst, daß die Murmeln psychokinetisch unterLevitation gehalten werden...«

»Sehen schon«, bekannte ich beklommen. »Aber verstehen kann ich es nicht. Es ist unglaublich! Phantastisch!«

»Stimmt.« Der Professor nickte, und ein zaghaftes Grinsen huschte über mein Gesicht bei seiner trockenen Antwort. Mit zärtlichen Bewegungen streichelte der Mann die Blätter und Blüten. Ich wußte, daß manche Menschen besonderen Erfolg bei Pflanzenzüchtungen und ihrer Hege hatten. Ihnen wurde der Grüne Daumen zugeschrieben: die besondere Gabe, speziell mit Pflanzen zu kommunizieren. Sie redeten mit ihren Blumen, liebten sie und schenkten ihnen Zuneigung wie andere einem Haustier oder gar einem Menschen – und die Flora dankte durch besonderen Wachstum, Blütenreichtum und Duft. Die Psikräfte der Psiolflora erschienen mir als Extremform dieses Phänomens. Sicher war ich mir allerdings nicht. Professor Merkanier sagte:

»Meine Orchideen beherrschen paranormale und transpersonale Kräfte; Kräfte, die neben dem normalen existieren und weit über die eingeschränkte Welt der Ego-Erfahrung hinausreichen. Ganzheitlich-holistischer Grundansatz, Sie verstehen? Formen von Telepathie und Psychokinese sind deutlich ausgeprägt; seltener sind präkognitive, retrospektive und hellseherisch-visionäre Phänomene, aber auch das bekomme ich noch in den Griff. Ich denke, in absehbarer Zeit hab’ ich das Pflänzchen, das im Knopfloch getragen werden kann – und als Gegenleistung dem Träger die Psi-Welt erschließt.«

»Eine erschreckende Vorstellung.« Ich ächzte. »Sollen die Menschen auf diese Weise zu Gedankenlesern und Superman werden?«

»Erschreckend? Wirklich?« brummte er, musterte mich aus zusammengekniffenen Augen und unterbrach sein Streicheln der Orchideen. »Ich denke nicht. Lüge und Betrug, Heuchelei und ähnliches hätten keine Chance mehr. Es wäre ein Segen für die gesamte Menschheit; ganz zu schweigen von den anderen Möglichkeiten des Paranormalen, das bessere Verständnis der Welt an sich...«

Ich zuckte zusammen. Segen für die Menschheit – das war ein Begriff, der mich Frösteln ließ. Zu häufig war es verkündet worden, die Folgen meist verheerend. Wie war es mit dem Atom? Hiroshima und Tschernobyl ließen grüßen. War Merkanier tatsächlich so naiv und wirklichkeitsfremd? Eine Verbreitung der Psi-Symbionten mußte angesichts des menschlichen Charakters neue Klassen schaffen. Elitären Gruppen wäre der Gebrauch der Pflanzen vorbehalten, denn eine der Allgemeinheit zukommende Verwendung erschien mir ziemlich fragwürdig; die Mächtigen wußten schon immer ihre Macht zu erhalten. In dieser Hinsicht hatte sich die Menschheit wenig verändert, seit sie die berüchtigten Höhlen verließ. Die Psipflanzen machten es nicht besser. Im Gegenteil: Neue Formen von Neid, Habgier und Aggression schienen bereitzustehen. Und neue Ängste! Das Lesen der Gedanken – abgesehen von der damit verbundenen Belastung oder möglichen Formen der Ausnutzung – wer ließ sich schon gerne in seine Intimsphäre schauen? Ein Segen?

»Ich verstehe Ihre Skepsis, junger Freund«, versicherte der Professor ernst. »Aber die Pflänzchen werden ja noch weiter entwickelt. Sie werden dann einen Mißbrauch ihrer Fähigkeiten niemals zulassen!«

»Das wäre eine Möglichkeit.« Nachdenklich betrachtete ich die Orchideen. Weiterhin schwebten die kleinen Glaskugeln über den Blüten. Fast war mir, als blickten mich die Blüten an, erinnerten an geheimnisvolle Augen. Aus der Ferne vernahm ich Merkaniers näselnde Stimme:

»...weitere Entwicklung, indem neue Pflanzengenerationen direkt mit dem Menschen verbunden werden. Im Rahmen einer perfekten Symbiose könnte der Mensch so zum Selbstversorger werden, sobald es gelingt, die Fotosynthese der Pflanzen zu übertragen. Durch gegenseitige Versorgung und Stoffaustausch könnte die Sonnenenergie direkt dem menschlichen Organismus nutzbar gemacht werden. Der Körper eines Homo Florensis wäre erheblich leistungsfähiger, würden hier doch die Fähigkeiten der Pflanzen, sogar unter extremsten Umweltbedingungen zu existieren, mit der nahezu uneingeschränkten Beweglichkeit tierischer Organismen verbunden. Und wenn man den Faktor Psi noch hinzu rechnet...«

Größenwahnsinnig! durchfuhr es mich. Die Stimme verhallte, klang ab zu einem dumpfen Summen. Akustische Schwingungen, die keinen Sinn mehr ergaben. Die Pflanzen verstärkten ihre Blicke. Plötzlich verkrampfte sich alles in mir. Ich glaubte zu schweben. Ich vergaß die Welt. Bildsequenzen prasselten auf mich ein, verdichteten sich zu einer umfassenden Vision.
 
 


 

 

2.



 

Aus einem Punkt explodierte das Universum. Winzigste Bruchteile einer Sekunde herrschte totales Chaos. Ungezügelte Energie, noch immer auf engstem Raum komprimiert, strebte nach Ausdehnung. Mit der Ausdehnung waren Verdünnung und Abkühlung verbunden. Und aus chaotisch wirbelnden Energiequanten entstanden kurzlebige Orte differenzierterer Struktur.

Vom punktförmigen Ursprung streben grellste Bahnen radial nach allen Seiten, dehnten sich aus, rasten weiter, wuchsen und wucherten und formten kleinere Sekundärdetonationen. Aufblitzenden Feuerwerkskörpern gleich entstanden Lichter, Ballungen und Kaskaden, die auseinanderplatzten und sich verteilten.

Raum und Zeit kondensierten aus dem singulären Nichts. Noch besaßen die materiellen Quanten einheitliche Struktur. Aber Dichte und Energiekonzentration verringerte sich; spontan brach die Symmetrie der Urquanten in eine Quark- und eine Lepton-Richtung. Weitere Unterschiede bildeten sich – aus einheitlicher Fundamentalkraft kristallisierten die Einzelkräfte.

Quarks vereinten sich zu Protonen und Neutronen. Die Temperatur sank. Unter dem Einfluß der Kernkraft entstanden vollständige Atomkerne, die auch beim Aufprall nicht mehr zerfielen. Neben dem kosmischen Meer überaus energiereicher Strahlung, in dem Atomkerne und Elektronen komplexe Muster und Formen bildeten, vernetzte eine Wirkung alles mit allem – eine immaterielle Wechselwirkung, die tiefsitzende Realität des universalen Geistes.

Jahrmilliarden vergingen, bevor in den Feuerrädern von Sterneninseln abgekühlte Masse entstand, der sich das Wahre Leben angliedern konnte. Lange bevor auf Planeten organische Strukturen entstanden, gab es das Netzwerk kosmischen Bewußtseins und die ihm immanenten Kräfte. Unsichtbar für materielle Sinnesorgane huschte der übergeordnete Informationsfluß dahin. Unbeeindruckt von den eingeschränkten Wahrnehmungsmöglichkeiten jener Gebilde, die aus organischer Materie bestanden und in gewaltiger Hybris den Begriff des Lebens ausschließlich auf sich und das damit verknüpfte materialistische Weltbild bezogen, existierte bewußtes Sein, umfassend, nicht den Schranken von Körpern unterworfen, sondern diese bestenfalls kurzfristig als Behältnis benutzend.

Menschen waren solcherart Erfahrungen meist nur unbewußt zugänglich, in Träumen und außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen. Selten, daß bruchstückhafte Informationen über Reaktionsketten das Gehirn erreichten. Wurde allerdings die natürliche Sperre überwunden und der harmonische Gleichklang und innere Zusammenhang des Kosmos erkannt, mußte das bisherige Weltbild zusammenbrechen – sofern nicht das Filtersystem von Verstand und eingeschränkter Ego-Struktur alles wieder auf den üblichen Ausblick auf die Welt reduzierte.

Mehr als eine Vision, ein vager Traum der Weite, Harmonie und Schönheit des Ganzen und vor allen Dingen des Lebens konnte dann kaum bleiben; verwehende Erinnerungen an ein gesamtkosmisches Leben außerhalb von Körpern, mäßigen Verstandesleistungen und einer von Vorurteilen geprägten Meinung, trotzdem real existent, durch steten Informationsfluß und Wechselwirkung zum umfassenden Bewußtsein verwoben und vernetzt. Ein all-eines Ich, von dem – wie von allen Ganzheiten – galt, daß es mehr war, als die Summe der Teile.

Es bedurfte besonderer Umstände, teilzuhaben am Bewußtseinsinhalt dieses Ganzen; nur dann konnte man sich außerhalb der Zeitgrenze stellen, Vergangenheit und Zukunft überblicken, besondere Wirkungen erzielen oder über Kräfte gebieten, die dem Normalen scheinbar widersprachen. Je nach Status sprach man dann von Magie, paranormalen Fähigkeiten, dem Wirken von Schutzengeln oder höheren Naturgesetzen...
 
 


 

 

3.



 

Die Vision konnte nur Sekundenbruchteile gedauert haben, ein Seitenblick bewies, daß Professor Merkanier nichts bemerkt hatte. Ich war verwirrt und verunsichert wie noch nie; mein Magen bildete einen harten Klumpen, und Kälte kroch die Wirbelsäule hinauf. Was war wirklich geschehen? Hatten mir die Orchideen diesen Ausblick vermittelt? War ihren Kräften meine absonderliche Wahrnehmung zuzuschreiben – oder hatte ich nur mit offenen Augen geträumt, beeinflußt vom Schwafeln des Wissenschaftlers? Ein Tagtraum?

Wird wohl so gewesen sein, dachte ich und fühlte, daß Gänsehaut mit Tausenden Hügelchen meine Unterarme überzog. Verdrängung. Nur nicht weiter daran denken. Das normale Tagesgeschehen hat dich wieder!

Ich wußte nicht, wie – und ob überhaupt – ich mein Erlebnis einzuschätzen hatte. Je mehr Zeit verging, desto unwirklicher kam mir alles vor. Es mußte ein Traum gewesen sein, die Reaktion überreizter Sinne. Es gab nicht den geringsten Beweis. Sogar die Murmeln lagen neben den Orchideen, die ihre Blüten hängen ließen. Hatte ich die Glaskugeln wirklich in der Luft schweben gesehen? War der Professor unter Umständen ein Schwindler, jemand, der einen mit hypnotischem Gerede ganz kirre machte und die absonderlichsten Dinge sehen ließ?

Meine Zweifel wuchsen mit jeder Sekunde. Plötzlich hatte ich es eilig, mich zu verabschieden. Nachdem ich die Hand Merkaniers geschüttelt hatte, fragte ich noch:

»Wie haben Sie sich eigentlich die Maßnahme gedacht, mit der sich die Pflanzen selbst gegen Mißbrauch schützen sollen?«

»Eine Art Hypnosuggestion. Es gibt da mehrere Varianten. In einem meiner Brutkästen wächst zum Beispiel eine neue Psiol-Generation heran; nach meinen Berechnungen müßte deren Selbstschutz darin bestehen, daß sie der entsprechenden Person zwar einerseits die Schönheit des Kosmos zeigen, andererseits aber ihre Lebenskraft abzapfen – eine rapide Alterung und der Tod wären somit die unweigerliche Folge, denn noch ist die Welt nicht reif für meine Entdeckung...«
 
 


 

 

ENDE





 

© Rainer Castor, März 1996