Splitter 6

 


Rätsel der Vergangenheit

Rainer Castor

veröffentlicht im JAHRBUCH 1999 der PRFZ – Perry Rhodan FanZentrale – als Ergänzung zum gekürzten Text im 12. Band der TRAVERSAN-Miniserie, Frühjahr 1999



Vorbemerkung: Als ich im vergangenen Jahr den 12. Band des TRAVERSAN-Zyklus schrieb, geriet das Manuskript zunächst um etliche Seiten zu lang, so daß schon aus diesem Grund eine Kürzung auf Heftumfang notwendig wurde. Ein zweiter Grund war, daß sich im Eifer des Schreibens eine Informationsfülle einschließlich vieler Querverweise und Andeutungen ansammelte, die außer gewissen »Hardcore-Fans« vermutlich alle anderen LeserInnen überfordert hätte – ich muß da Klaus N. Frick Recht geben; ist ein »leidiges Problem« meiner Schreibe, ich weiß, ich weiß!

Diesmal jedoch gab es sogar bei Klaus ein starkes Bedauern darüber, daß wir vieles »hinauswerfen« mußten – und im entsprechenden Abklärungs-Telefonat kam von ihm der Vorschlag, eventuell aus dem Material eine »Kurzgeschichte« zu machen, damit es nicht ganz verloren gehe. Im ersten Moment war ich etwas skeptisch, aber je länger ich darüber nachdachte, desto reizvoller erschien mir der Gedanke. Und so entstand der nun ins JAHRBUCH eingeflossene Text, der einerseits zwar Passagen aus TRAVERSAN 12 wiederholt, sie andererseits aber ergänzt, an manchen Stelle sogar über die ursprünglich gekürzten Stellen hinausgeht.

Es ist ein Experiment! Vielleicht findet es ja Euren Zuspruch ...??!
 
 


PROLOG



An Bord der RICO, 10. August 1290 NGZ: Seit das GILGAMESCH-Modul das Trav-System vor einer halben Stunde verlassen hatte, saß der Arkonide in seiner Privatsuite und starrte auf den kleinen Speicherkristall, der neben der Kaffeetasse glitzerte.

Atlan wußte, daß er mit seinem Verhalten der Besatzung Rätsel aufgab. Seine Weigerung, über die Erlebnisse zu berichten, hatte Befremden ausgelöst. Aber er war zur Zeit nicht bereit, über diese Dinge zu reden, würde es vielleicht nie sein. Der Unsterbliche, nun mit einem »Lebensalter« von 23.391 Jahren auf dem Buckel, versuchte sich darüber klar zu werden, was es unter Umständen bedeutete, wenn er die ihm zugänglich gewordenen Informationen nicht für sich behielt.

Durch den Raum schwangen die sinfonischen Kadenzen von Singh Boncards Spätwerk Menschheit im Zwielicht; Atlan bekam die Musik nur am Rande mit, war tief in Gedanken versunken.

Die Zeit ist noch nicht reif! raunte der Extrasinn. Später vielleicht ... Werde zuerst wieder in deiner Real-Gegenwart heimisch, Ex-Imperator!

Atlan nickte unwillkürlich, während er mit dem Zeigefinger den Speicherkristall hin und her schob und fühlte, daß der Druck des photographischen Gedächtnisses stärker wurde.

»Ist es besser, wenn ich den Kristall vernichte?« murmelte er. »Er ist der einzige Beweis, abgesehen von meinen Erinnerungen. Und die gehen noch deutlich über den Speicherinhalt hinaus. Mehr als zehntausend Jahre ...«

Bilder huschten durch seinen Kopf, verdichteten zu Szenen. Nochmals glaubte er die Worte des Stationsgehirns zu hören, auch die Stimmen der abgespielten Aufzeichnungen. Kurz blitzte Prinzessin Tamarenas Bild auf und erlosch.

Atlan lehnte sich zurück, schloß die Augen und formte mit den Händen einen Giebel. Tief in Gedanken versunken und im Rhythmus der Dagor-Technik atmend, gab er dem Erinnerungsdruck nach, ließ sich auf die Szenen ein, ohne jedoch ganz von ihnen vereinnahmt zu werden oder gar in den gefürchteten Sprechzwang zu verfallen.
 
 


1.



Traversan, Zeitstation in der Yssods-Wüste: 11. Prago der Coroma 12.402 da Ark

Meine Finger huschten über die alpha-numerischen Sensorpads der KSOL und riefen die geladenen Programme auf: Unterbrecher zwischen Energieversorgung und Stationsgehirn aus; Aktivierungsblockade aufgehoben; Boot-Sequenz initialisiert; Betriebssystem anfahren, Programme laden ...

Die Anzeigen und Monitoren des Gehirns flackerten. Für positronische Verhältnisse dauerte es quälend lange. Vermutlich wurden eine Reihe von Selbstreparaturmechanismen aktiviert – immerhin hatte das Gehirn bei unserem ersten Kontakt zugegeben, daß es infolge langer Inaktivität einige Schäden an der Programmierung gegeben hatte.

Und es gibt weitere maschinelle Defekte, ergänzte der Extrasinn, die aus eigener Kraft nicht zu beheben waren.

Während die Stationspositronik zum Leben erwachte, rief ich mir die spärlichen Informationen ins Gedächtnis, die ich ihr hatte entlocken können. Angeblich war die Zeitstation auf Anweisung von Faktor VII, einem der Meister der Insel, errichtet worden – ohne Zweifel von lemurischen Wissenschaftlern. Ziel sei die Beschaffung von Waffen gegen Haluter gewesen, und hierzu wollte der Meister in eine Zielzeit vorstoßen, die rund 1,2 Millionen Jahre in der Vergangenheit lag und seinen Informationen zufolge Schauplatz eines schweren Krieges gewesen war.

37 Fehlversuche, umschrieben als »Schaltung Sternentau«, rekapitulierte ich in Gedanken, hat es gegeben, die letztmalige Aktivierung der Station lag 47.002 Jahre vor 1290 NGZ – also im Jahr minus 42.125.

Dann wurde ich in den 38. Versuch gerissen, weil mich mein Zellaktivator, vom Gehirn als Lebensspender umschrieben, als Berechtigter auswies. Das vorzeitige Ende des Versuchs kam, weil die Energiespeicher erschöpft waren.

In den knappen Aussagen der Station liegt einiger Sprengstoff! sagte der Logiksektor. Einzelheiten erfährt du vielleicht bei einer intensiven Befragung. Aber schon jetzt läßt sich einiges ableiten.

Stimmt!

Der Positronik war Faktor VII namentlich nicht bekannt gewesen. Ich wußte es besser. Wir hatten diesen Meister der Insel im Jahr 2404 kennengelernt, damals, als die CREST III über die Zeitfalle Vario in die Vergangenheit des lemurischen Tamaniums geschleudert worden war.

Den Woolver-Zwillingen gelang es, über Kahalo in die angestammte Gegenwart zurückzukehren, weil sie sich mit ihrer Fähigkeit, sich in fließende Energieströme aller Art »einfädeln« zu können, über eine Funkverbindung an Bord eines Kleinraumschiffs begaben – und dieses wurde von einem Mann gesteuert, der sich ihnen als Regnal-Orton vorstellte. Die Woolvers schafften es, den Meister trotz seines starken Individualschirms zu besiegen.

In der Gegenwart gelang es Reginald Bull, damals Solarmarschall des Solaren Imperiums, mit seiner Flotte das kleine Schiff im Zentrum Andromedas aufzubringen. 

Regnal-Orton starb am 13. Mai 2404; eine Untersuchung seines Körper hatte ergeben, daß er über dem Brustbein einen kleinen stabförmigen Körper implantiert trug. Bullys Befehl, diesen zu entfernen, führte augenblicklich zur rapiden Alterung des Meisters: Der Zylinder hatte sich als Zellaktivator herausgestellt – er verglühte kurz nach dem Tod des MdI.

Regnal-Orton hatte sich damals in der Vergangenheit aufgehalten, um den Zeitagenten neue Befehle zu erteilen. Wie ich später erfuhr, wurde er zunächst von einem Goldenen namens Talossa begleitet; aber das war eine andere Geschichte.

Neben dem Haupt-Zeittransmitter von Vario hatten die Meister eine Reihe sogenannte Zwischenzeitstationen errichtet, sagte meine Innere Stimme. Mit ihnen ließen sich Zeitsprünge von bis zu fünfhundert Jahren absolvieren. Zwei davon habt ihr kennengelernt: im Wegasystem auf Pigell, und auf der Erde unter den Gletschern von Nevada. Es ist davon auszugehen, daß es weitere Stationen gab, von denen ihr nie erfahren habt ... Talossa fungierte beispielsweise für einige Jahre als getarnter Tamrat im 87. Tamanium; dessen Hauptwelt lerntet ihr später als Drorah kennen, die Heimat der Akonen. Du kannst sicher sein, daß dort ebenfalls eine Zeitstation vorhanden gewesen sein muß! In den Anfängen eurer Begegnung mit den Akonen wurdet ihr mit dem Epotron genannten Zeitumformer konfrontiert – zweifellos eine akonische Entwicklung, die auf lemurischen oder MdI-Zeitmaschinen basiert haben dürfte!

»Es darf also nicht überraschen, wenn Faktor VII eine weitere Anlage bauen ließ«, murmelte ich. »Fragt sich nur, wann sie eigentlich entstand. Und wenn sie ständig auf Traversan stationiert war, warum befinde ich mich nun in derjenigen, die aus der Zukunft stammt? Wo ist das zeitlich jüngere Pedant? Überhaupt: Weshalb ist diese Anlage nie entdeckt worden? Es kann doch schwerlich sein, daß in mehr als zehn Jahrtausenden niemals die Kuppeln in der Yssods-Wüste aufgefallen sein sollen ... Ebenso erstaunlich der letzte Aktivierungszeitpunkt der Anlage: 42.125 vor der Zeitenwende liegt ein ganzes Stück nach dem Ende des lemurisch-halutischen Kriegs.«

Die Stimme der Stationspositronik riß mich aus den Überlegungen und dem Selbstgespräch: »Ich habe dich anhand deines Lebensspenders identifiziert, Maghan! Meine Selbstkontrolle hat ergeben, daß ich für unbestimmte Zeit mangels Energie komplett desaktiviert war. Die internen Prüfroutinen zeigen, daß es eine Reihe von Fremdgeräten gibt, die mir den Zugriff auf die übrigen Aggregate der Station verwehren. Die Logikauswertung besagt, daß sie von dir installiert worden sein müssen. Begründung!«

»Deine Speicher beinhalten das zwischen uns geführte Gespräch?«

»Positiv.«

»Dann kennst du deine eigene Aussage hinsichtlich der Schäden an der Programmierung?! Die Zusatzgeräte wurden zu meinem Selbstschutz installiert. Berücksichtige die Aussagen deiner Basisprogrammierung: Das Leben eines Maghan ist unbedingt zu schützen und darf auch und vor allem nicht durch schadhafte Aggregate gefährdet werden!«

Es war ein Schuß ins Blaue, mit Blick auf die Mentalität der MdI allerdings mehr als wahrscheinlich. Gespannt wartete ich auf die Antwort.

»Ich bestätige, Maghan, und ich stimme der Logik deiner Aussage in Übereinstimmung mit meiner Basisprogrammierung zu.« Kurze Pause. »Könntest du mir bei der Bestimmung meines Systemstatus helfen, Maghan?«

»Ja – es bedarf ohnehin eines erweiterten Informationsaustausches.«

Als Maghan angesprochen zu werden, weckte unangenehme Erinnerungen an die Tyrannei der Meister und ließ mich schmerzlich das Gesicht verziehen. Obwohl fast fünfzig Jahrtausende voneinander getrennt, hatten sich bei näherer Betrachtung wiederholt interessante Verbindungsketten gezeigt, die die engen Bezüge zwischen lemurischer und terranischer Kultur offenbarten.

Der Begriff Maghan, vom Lemurischen ins Tefroda übernommen und zur unterwürfigen Anrede der Meister der Insel pervertiert, besaß seine Entsprechung im indischen magha – »Gabe Gottes« –, von dem sich, ebenso wie von magi als Umschreibung der Priesterkönige Zaroasters, das Wort Magie ableitete. Und auch an den untergegangenen Kontinent Lemuria hielt sich eine vage Erinnerung: Die Eingeborenen von Atlantis wußten über ein sagenumwogenes Reich zu berichten, und bei den Römern waren lemures die Geister Verstorbener, verehrt beim Lemurienfest am 9., 11. und 13. Mai.

Vor langer Zeit hatte Professor Kalup die Ansicht vertreten, daß jede Lebensform hyperphysikalisch wirksame Komponenten und damit Zugriff – und sei dieser nur unbewußt – zur Akausalität höhergeordneter Kontinua besaß. Phänomene wie kollektives Unbewußtes gewannen somit ganz neue Bedeutung.

Spätestens seit der Versetzung der CREST in die lemurische Epoche war klar, daß die Vergangenheit nicht einfach verschwand, sondern vom Beobachtungsstandort des Hyperraums vielmehr von einer Omnipräsenz, einer »umfassenden Gegenwart«, gesprochen werden mußte, in der alles gleichzeitig existierte, so daß die Wahrscheinlichkeit, daß jederzeit Informationen bruchstückhaft die universellen Barrieren in der Art von Quanteneffekten quasi durchtunnelten, nahezu faktische Realität gewann ...

Du schweifst ab, Mann! kritisierte der Extrasinn spitz.

Ich nickte und sagte: »Grundsatzdefinition, Gehirn: Der Ausgangspunkt von Fehlversuch 38 der Schaltung Sternentau wird als Basiszeit definiert, umschrieben als das Jahr 4877 A.D. – Jahreslänge entspricht dem Umlauf des lemurischen Ursprungsplaneten. Fehlversuch 38 endete nach einer zeitlichen Rückversetzung um 10.649 Jahre. Deiner Aussage zufolge erfolgte deine letztmalige Aktivierung 47.002 Jahre vor Basiszeit, also im Jahr minus 42.125. Verstanden?«

»Verstanden und gespeichert.«

»Frage: Ausgehend von Basiszeit – wann erfolgte deine Erstaktivierung?«

»Minus 49.991.«

Drei Jahre vor der Zeit, in die die CREST versetzt wurde; 87. Kriegsjahr im Kampf gegen die Haluter. Meine Innere Stimme wurde lauter. Du kannst davon ausgehen, daß es sich um ein Projekt Regnal-Ortons handelte, das zeitlich vor eurem Kampf gegen die Meister angesiedelt werden muß.

Ich stimmte der Beurteilung des Logiksektors zu. »Du hast als Zielzeitpunkt den Wert X minus 1,2 Millionen Jahre genannt. Dieser wurde jedoch bei keinem Versuch erreicht, sondern mündete vorher beim Erreichen eines kritischen Punkts in eine Katastrophe. Definiere Katastrophe und ihren genauen Zeitpunkt, Gehirn.«

»Zeitpunkt entspricht minus 196.580, plus-minus zehn Jahre. Die Katastrophe äußert sich in einem abrupten Stoppen der retrograden Temporalverschiebung; es existiert offensichtlich eine unüberwindliche Barriere hyperphysikalischer Art. Dauert die Wechselwirkung zu lange, droht eine unkontrollierte Pendelbewegung entlang der zeitlichen Orientierungsachse. Die Fehlversuche Eins bis Drei endeten fast in einer Vernichtung der Station; sie erreichten nur einen Vergangenheitszeitpunkt von etwa minus 52.000.«

Der Zeitläufer der Cappins! schrie der Extrasinn. Temporale Rücksturzpolung! Kein Zweifel! Die Goldene Spindel muß auf temporal-hyperphysikalischem Niveau bis nach Traversan gewirkt haben! Auch der Nullzeitdeformator wurde zunächst daran gehindert, weiter in die Vergangenheit vorzustoßen. Für euch bestand die Hauptbarriere ebenfalls um etwa minus 52.000.

»Trotz dieser Fehlschläge wurden weitere Versuche unternommen?«

»Faktor VII befahl es! Es gab mehrmals Modifizierungen des Nullzeitfeldes und Umbauten der Aggregate; leider ließ sich der kritische Punkt nicht überschreiten. Die Fehlversuche 4 bis 36 erfolgten innerhalb von zwei Jahren nach Erbauung der Zeitstation. Dann wurden viele Geräte entfernt und meine Anlagen stillgelegt.«

Erklärt, weshalb große Teile der Station ausgeräumt sind!

Laut sagte ich: »Faktor VII erhoffte sich in der Zielzeit die Erlangung von Waffen?«

»Korrekt. Die Auswertung lemurischer Altarchive lieferte die Daten; bei der Konstituierung der Großen Tamaniums wurden wiederholt uralte Hinterlassenschaften entdeckt, deren Altersbestimmungen auf den genannten Zeitpunkt hinwiesen – allerdings mit einer Unsicherheit von einigen zehntausend Jahren! Damals muß es einen schweren und lang andauernden Krieg gegeben haben. Obwohl meist zerstört, zerfallen oder unbrauchbar, bezeugten die aufgefundenen Artefakte das deutlich höhere technologische Niveau der am Krieg Beteiligten. Die Altarchive sprachen in mehreren Fällen von außer Kontrolle geratenen Gerätschaften, die, trotz ihres Alters und ihres Zerfallsstadiums, fürchterliche Wirkungen erzeugt haben sollen.«

Oh, ja, das kann ich bestätigen! dachte ich grimmig. Nur zu gut erinnerte ich mich an die Ereignisse in meiner Imperatorenzeit. Auch damals hatten wir es mit »erwachter Vergangenheit« zu tun gehabt! Die von Regnal-Orton angestrebte Zeit vor rund 1,2 Millionen Jahren wurde in den Galaktischen Legenden als Großer Galaktischer Krieg umschrieben.

Was gewisse Einzelheiten betraf, hatte ich erst sehr viel später weitergehendere Informationen erlangt, die die Ereignisse ab 2047 erklärten. Gleich mehrere Dinge hatten sich aufsummiert beziehungsweise gegenseitig bedingt, so daß die ganze Milchstraße mehr oder weniger involviert wurde: Einerseits war es nämlich genau jene Epoche, da das Suprahet die Galaxis erreicht und gewütet hatte, zum zweiten lief weitgehend parallel dazu die Invasion der Horden von Garbesch im Auftrag der Superintelligenz Seth-Apophis. Seth-Apophis hatte die vom »Sternenfresser« ausgelösten Katastrophen zweifellos ausgenutzt, bis dieser von den Oldtimern alias Galaktischen Ingenieuren, den Petroniern, alias Barkoniden alias zur Stofflichkeit zurückgekehrten Querionen gebändigt wurde.

Von der Ayindi Moira stammte die, allerdings mit Skepsis zu betrachtende, Information, daß der Einfall der Horden in die Lokale Gruppe insgesamt rund 500.000 Jahre beansprucht hatte.

Wie auch immer ... Der Extrasinn reagierte brummig. Es muß als verteufeltes Glück bezeichnet werden, daß den MdI keine Waffensysteme aus jener Zeit in die Hände fielen, ansonsten ... Er ließ den Satz offen.

»Bleibt noch Fehlversuch 37!« Ich begutachtete die Auswertungsergebnisse der parallel zum Stationsgehirn laufenden KSOL-Positronik. Wie es schien, hatte das komplette Neuhochfahren dem Rechner ganz gut getan. Programmfehler waren jedenfalls keine mehr zu entdecken. Ob das allerdings für sämtliche Bereiche in den unergründlichen Tiefen des robotischen Pseudo-Bewußtseins zutraf, mußte ich vorläufig offenlassen. »Warum kam es 7864 Jahre nach deiner Ausschaltung nochmals zu einem Vorstoß in die Vergangenheit?«

»Weil zwei Personen die Station betraten, deren Lebensspender sie als Maghane auswiesen! Sie reaktivierten mich und wurden, weil Schaltung Sternentau automatisch anlief, in die Vergangenheit gerissen. Erst mit Erreichen der Barriere gelang es ihnen, die Rückkehrschaltung aufzurufen. Leider führte Fehlversuch 37 zu den erwähnten maschinellen Schäden, die ich nicht aus eigener Kraft beheben kann. Bevor die beiden Personen die Station verließen, sorgten sie dafür, daß ein schwaches Labilfeld auf modifizierter Nullfeldbasis erzeugt wurde. Es entrückte die gesamte Station aus dem Standarduniversum ...«

Das ist die Erklärung! rief der Logiksektor. Deshalb kam es nicht zu einer Kollision mit dem früheren Gegenstück der Zeitstation – es war die ganze Zeit über gar nicht auf konventionellem Wahrnehmungsniveau vorhanden! Zur Zeit existiert also quasi parallel zur Station aus deiner Realgegenwart das entrückte jüngere Pedant innerhalb des Labilfeldes!

Unterdessen fuhr das Gehirn fort: »... drohte ein Abfall der Energiespeicherwerte unterhalb des Mindestnominalwertes; deshalb kam es drei Jahre vor Basiszeit zur Rekonstituierung im Standarduniversum! Dein Erscheinen, Maghan, aktivierte dann automatisch die Schaltung Sternentau – unter anderem, weil die lange Zeit der Inaktivität Programmschäden hervorgerufen hatte.«

So etwas habe ich vermutet! versicherte meine innere Stimme.

Ich nickte. Damit waren nahezu alle Fragen und die mit ihnen verknüpften Logikfallen geklärt. Die uralte Station war erst vor kurzem auf Traversan erschienen; sie hatte im Grunde gar nicht früher entdeckt werden können, weil sie für rund 47.000 Jahre außerhalb des konventionellen Raumzeitkontinuums existiert hatte, eingehüllt in eine Feldstruktur ähnlich der Labilzone des Antitemporalen Gezeitenfeldes, das die Terraner um ihr Solsystem errichtet hatten.

»Was taten die genannten Personen noch? Um wen handelte es sich? Gibt es Aufzeichnungen ihrer Aktivitäten? Haben sie miteinander gesprochen?«

»Sie brachten an der A-Kuppel eine Schrifttafel an; der Inhalt der Botschaft ist mir nicht bekannt ...«

Mir schon! In Gedanken zitierte ich den Text:

Die Hoffnung geht nicht verloren. Das Glück kann man nicht zwingen. Die Zeit muß nicht ein Gegner sein, wenn du sie zu deinem Freund machen kannst.

Das klang viel zu poetisch, als daß es von einem Meister der Insel hätte stammen können! Auch diese Frage war somit geklärt: Die beiden Fremden hatten den Text – aus welchen Gründen auch immer – hinterlassen.

Das Stationsgehirn sagte: »... Selbstverständlich gibt es Aufzeichnungen. Die Personen stellten sich mir als Selaron Merota und seine Tochter Ermigoa vor! Sie nahmen den Kleinraumer des Stationshangars bei ihrer Abreise mit ...«

Ich stieß einen schrillen Pfiff aus. Das war nun eine Eröffnung, mit der ich in keinster Weise gerechnet hatte!
 
 


2.



Ermigoa, durchfuhr es mich, lernte ich 3460 auf dem Planeten Peschnath kennen, als wir alte lemurische Sonnentransmitter untersuchten und dabei nach Andromeda gelangten – weil Terra und Luna nicht, wie vorgesehen, vom Duo-Sonnentransmitter Sol-Kobold zu Archi-Tri-Trans versetzt worden war ...

Ich erinnerte mich ganz genau an die dunkelhaarige Schönheit, ihre großen Augen, und auch daran, daß sie Zellaktivatorträgerin gewesen war. Ganz deutlich glaubte ich ihre Stimme zu hören, nachdem ich sie nach der Herkunft ihres Aktivators gefragt hatte: »Mein Vater baute ihn für mich. Er baute auch alle Zellaktivatoren, durch die die Meister der Insel die relative Unsterblichkeit erlangten!«

Diese Aussage entsprach genau jener, die seinerzeit Mirona Thetin gemacht hatte; sie sprach ebenfalls von einem »Wissenschaftler der Alt-Lemurer«, dessen Identität ihr angeblich unbekannt gewesen war.

Und ich erinnerte mich an Ermigoas Tod: Sie starb, nachdem sie in einem Anfall geistiger Umnachtung mit einem Desintegrator den Zellaktivator zerstrahlt hatte, weil zuvor ein schadhafter Multiduplikator rasch zerfallende, zellaktivatorlose Ebenbilder ihrer selbst produzierte.

Sie zerfiel am 23. Mai 3460 in meinen Armen zu Staub und ... Der Gedanke brach ab, so schnell er gekommen war, weil mich unvermittelt Erinnerungen bestürmten und Verknüpfungen vor meinem Inneren Auge entstanden, deren Konsequenzen ich auf den ersten Blick kaum zu durchschauen vermochte.

Ich brauchte Zeit zum Nachdenken, war gleichzeitig gespannt auf die gespeicherten Daten des Stationsgehirns. Obwohl die Traversaner meine Unterhaltung in lemurischer und zugleich alt-tefrodischer Sprache ohne Translator ohnehin nicht verstanden, wollte ich sichergehen. Ich unterbrach die Verbindung zu Gemderal mit knappem Hinweis auf mögliche Paradoxeffekte aufgrund der Informationen.

»Gehirn!« befahl ich dann heiser. »Spiele die optischen und akustischen Aufzeichnungen der Maghane ein. Zusammenschnitt der wichtigsten Handlungen.«

»Verstanden, Maghan.«
 
 

*



Es gab keinen Zweifel: Ich erkannte Ermigoa in den Holoprojektionen genau! Sogar im Zeitrafferformat beanspruchten die Aufzeichnungen mehr als eine Stunde. Mehrmals befahl ich rascheren Vorlauf, ließ dann Abschnitte wiederholen. Ich sah den beiden zu, wie sie in der Zeitstation agierten, an der Positronik und den Stationsgeräten arbeiteten, schließlich den kleinen Diskusraumer mitnahmen.

Und je länger ich Ermigoa sah, von schmerzhaftem Stechen in der Brust geplagt, desto mehr fiel mir ihre Ähnlichkeit mit Mirona auf, deren Bild mir ebenfalls vor Augen stand: hochgewachsen, schlank, die Haare tiefschwarz, glatt zurückgekämmt und im Nacken zu einem schweren Geflecht gerafft. Eurasisch wirkendes Gesicht mit Mandelaugen, klassisch-griechischer Nase und vollen Lippen.

Selaron Merotas Aussehen lag »zwischen« dem von Ermigoa und Mirona; zweifellos ein Lemurabkömmling: Ein muskulöser Mann, der seine Tochter um halbe Kopflänge überragte. Ob bei ihm noch von einem Lemurer oder schon von einem Tefroder gesprochen werden mußte, wollte ich nicht beurteilen.

Erneut dachte ich an Ermigoas Tod. Nicht von ihrem Zerfall betroffen war ein mit einem Edelstein besetzter Armreif gewesen. Diesen nahm ich damals als Erinnerungsstück mit nach Gäa in die Provcon-Faust. Etwa hundert Jahre später wurde bei einer Holoaufnahme des Armreifes für das Terra-Lemur-Museum von Gäa entdeckt, daß der Schmuckstein in Wirklichkeit ein Speicherkristall war – damals hatte ich soeben die Rekonvalenszenzphase nach jenem fürchterlichen Unfall abgeschlossen, dessen Heilungsvorgang mich dazu zwang, über verdrängte und zum großen Teil von ES blockierte Erinnerungen zu berichten.

Leider gelang es weder dem Historiker Cyr Aescunnar noch den anderen Experten, die aufgeprägten Dateien komplett zu entschlüsseln. Nur Bruchstücke ließen sich abrufen; aus ihnen ging jedoch hervor, daß es tatsächlich diesen berühmt-berüchtigten Wissenschaftler gegeben hatte! Nach ihm, Selaron Merota, wurden die Texte »Selaron-Fragment« genannt. Die Kernaussagen ließen sich wie folgt zusammenfassen:

Die Lemurerin Agaia entdeckte gemeinsam mit dem Wissenschaftler Selaron Merota mehr als 20.000 Jahre nach dem Rückzug der Lemurer aus der Milchstraße auf einem Planeten der Sonne Luum in der südlichen Randzone der Andromeda-Galaxis in einem von Eingeborenen als Tempel benutzten Bauwerk den sogenannten Atem der Schöpfung; ein heilendes Strahlungsfeld, das bei Verletzungen eine Zellregeneration bewirkte und ganz allgemein eine lebensverlängernde Wirkung hatte.

Selaron zeugte mit Agaia die Tochter Mirona und mit der Nomaden-Eingeborenen Ermia die Tochter Ermigoa. Er wurde zum Schmied der Unsterblichkeit: In jahrzehntelanger Arbeit gelang es ihm, dieses Feld sozusagen in Zellaktivatoren zu bündeln. Des weiteren entwickelte er eine Methode zur Materieduplikation, die später zur Entstehung und zum Einsatz der sogenannten Duplos führte. Agaia wurde als Faktor I zum Kopf einer Rebellion gegen das Tamanium in Andromeda.

Später tötete Mirona ihre Mutter, indem sie deren Zellaktivator zu einem Experiment mißbrauchte, und übernahm deren Rolle als Faktor I der Meister der Insel. Während Ermigoa und Selaron fliehen und sich verbergen konnten, riß sie die Macht in Andromeda an sich ...

Berücksichtigte ich meine persönlichen Erfahrungen – vor allem die Begegnungen mit Mirona und Ermigoa! – ergab der Bericht durchaus Sinn. Daß sich die beiden Frauen als Halbschwestern herausstellten, tat dem übrigen keinen Abbruch. Im Gegenteil. In vielem hat mich Ermigoa sehr an Mirona erinnert... 

Aber das alles geriet in Vergessenheit: Larenherrschaft, Kampf gegen die Unterdrücker, dann der Aufbruch mit der SOL. Während in der Milchstraße nach der Rückkehr von Terra und Luna das Unternehmen Pilgervater für eine Neubesiedlung der Erde sorgte, verschlug es mich »jenseits der Materiequellen« zu den Kosmokraten, später erneut auf die SOL und schließlich in die Rolle des Orakels von Krandhor. Daß in der Zwischenzeit in der Milchstraße eine neue Zeitrechnung begann und Ermigoas Armreif ins Lemuria-Museum von Terrania gelangte, erfuhr ich erst sehr viel später.

»Das Selaron-Fragment«, murmelte ich, »wurde unter der Katalognummer tb288/02-87-PTwpr abgelegt – und wie Ermigoas Armreif schlicht und einfach vergessen ...«

Erst 1173 NGZ, als wir den Spuren der verwirrten Superintelligenz ES folgten, wurden neue Erkenntnisse den bisherigen hinzugefügt. Die »Zeitschau« auf dem Planeten History am 23. April 1173 NGZ erbrachte Informationen, die mit den bisher gewonnenen zunächst durchaus vereinbar waren.

Auf der Kunstwelt Wanderer begegnete Perry Rhodan, Gucky und mir dann allerdings ein Lemurer namens Nermo Dhelim, der mit der LORGON der Spur der Superintelligenz gefolgt war, und es kam zu Ereignissen, die in jeder Hinsicht brisant, verwirrend und verblüffend waren. Zu allem Überdruß kollidierten sie auch mit den bisher gewonnenen Erkenntnissen!

In einem visonären »Miterleben« erfuhren wir, wie sich die Geschichte der Meister der Insel wirklich ereignet haben sollte; sie wurde, entgegen vieler Bedenken vor allem meinerseits, Teil der offiziellen Geschichtsschreibung:

Im 23. Jahrtausend vor Christi Geburt übergab Ernst Ellert als Bote von ES dem lemurischen Wissenschaftler Nermo Dhelim vierzehn zylindrische Zellaktivatoren, die sich innerhalb einiger Tage irreversibel auf ihre Träger einstellten. Diese Aktivatoren sollten nicht nur den Zellhaushalt der Träger steuern, sondern auch ein stabilisierendes Element im Kosmos bilden und damit der Abwehr der Chaosmächte dienen.

ES berief damit die nach Andromeda ausgewanderten Lemurer zu seinen Helfern und zum herrschenden Volk der Lokalen Gruppe, setzte ihnen eine Frist von zwanzigtausend Jahren, bis in der Milchstraße aus Lemurernachkommen ein neues Hilfsvolk herangereift sei.

Nermo Dhelim trug eines der Geräte selbst und übergab ein weiteres seiner Tochter Ermigoa. Seine Geliebte, die Tamrätin Mirona Thetin, erfuhr von den Zellaktivatoren und raubte die zwölf freien Geräte. Danach tötete Mirona Thetin Dhelim, indem sie ihm seinen Aktivator abnahm. Dieser explodierte daraufhin. Während sich Ermigoa verbergen konnte, fand Mirona Thetin in den folgenden Jahren elf Verbündete, denen sie die verbliebenen Aktivatoren übergab: die Meister der Insel.

Zeitweise trat sie in Maske als dreizehnter Meister auf, weil sich fünf der MdI als unzuverlässig erwiesen; nachdem sie Mirona Thetins wahre Identität als Faktor I erkannt hatten, wurden sie vor ihr getötet... 

In diesem Geschichtsbild gab es, nicht nur mit Blick auf Ermigoa und das Selaron-Fragment, so viele Ungereimtheiten und verwirrende Elemente, so daß ich für meinen Teil nie wirklich von seiner Wahrhaftigkeit überzeugt war!

Vor allem der Tod der Meister paßte nicht ins Bild, denn Mirona selbst erklärte mir gegenüber auf dem Festungsplaneten Tamanium:

»Mit den Zellaktivatoren gab man mir gleichzeitig eine Waffe in die Hände, um die anderen MdI zu beherrschen ... Ich besitze ein Gerät, mit dessen Hilfe ich die Tätigkeit eines Aktivators verändern kann. Der betreffende Aktivatorträger wird in Minuten zum alten Mann und zerfällt ...«

Wäre Mirona Thetin, die mir damals begegnete und in die ich mich verliebte, wirklich identisch mit jener gewesen, die wir durch die zeitliche Rückschau beobachteten, hätte das von ihr erwähnte Manipulationsgerät ebenfalls von Nermo Dhelim beziehungsweise von Ernst Ellert als ES-Bote stammen müssen! Davon wurde jedoch nicht nur nichts erwähnt – es stellte sich überdies sogar die Frage, ob allein durch die Überreichung der Aktivatoren durch Ellert an Dhelim überhaupt eine solche Möglichkeit bestand.

Anders sah es dagegen aus, wenn Selaron Merota die Zellaktivatoren als Schmied der Unsterblichkeit entwickelt und gebaut hatte! Inwieweit ihm ES in getarnter Form »hilfreich« zur Seite stand oder die Grundlage schuf, war ein offene Frage; eine Reihe von Andeutungen legten diesen Schluß aber nahe, obwohl der Wissenschaftler sich dieses Eingriffes vermutlich selbst nicht bewußt war. Immerhin blieb die wahre Herkunft des Tempels, in dem Selaron den Atem der Schöpfung entdeckte, unbekannt – schon Agaia äußerte im Selaron-Fragment die Vermutung, daß die »Eingeborenen« als Erbauer kaum in Frage kämen. Das photographische Gedächtnis reproduzierte augenblicklich die Beschreibung:

Der mindestens zweihundert Meter hohe Bau hatte die Gestalt einer tetraedischen Pyramide, deren Spitze in den Boden versenkt worden war. Auf der Oberseite war eine Kugel zu erkennen, die ihrerseits zum Teil in die Fläche der Pyramide eingesunken zu sein schien. Das Gebilde sah unerhört massiv aus, wie aus dem festen Felsgestein geschlagen. Dunkelgrau war der Fels, von seltsamen, glitzernden Adern durchzogen, die im Licht der untergehenden Sonnen dunkelrot glühten.

Es gab noch mehr solcher irritierenden Punkte in der Rückschau, die nicht mit dem übereinstimmten, was ich selbst erlebt oder erfahren hatte. Der Extrasinn stimmte vorbehaltlos zu: Daß es eigentlich nur zwölf Meister gegeben haben soll und Mirona getarnt als dreizehnter auftrat, vereinbart sich schwerlich mit ihrer Aussage dir gegenüber. Erinnere dich! Sie hatte dich paralysiert, befand sich in der Position der Überlegenen, hatte keinen Grund, dich zu belügen!

Ihre Worte wurden lebendig, als sei es gestern geschehen, durchzogen hallend meine Gedanken: »Vor zwanzigtausend Jahren rissen dreizehn Renegaten die Macht an sich. Von Anfang an gelang es mir, meine wahre Identität zu verbergen. Schließlich erfuhren sechs Renegaten, wer ihr Anführer war. Ich habe sie alle sechs ermordet. Seit etwa zehntausend Jahren beherrschten meine sechs Untergebenen und ich ganz Andromeda.«

Klingt das, als habe sie nur fünf ermordet und selbst als getarnter sechster Rebell agiert? fragte meine Innere Stimme kritisch. Kaum weniger haarsträubend war die in der Wanderer-Rückschau gelieferte Erklärung für History! Angeblich brauchte die verwirrte Superintelligenz diese vom zellaktivierenden Feld umhüllte Welt, um sich jederzeit über die Fortschritte bei der Evolution der Lemurabkömmlinge der Erde informieren zu können. Daß die Meister dieses Stasisfeld nach Gutdünken abstellen konnten, läßt sich mit einer solchen Pseudoerklärung nicht vereinbaren – aber genau das ist, wie du genau weißt, am 9. April 2404 passiert!

Hunderte oder gar Tausende Menschen, von Tefrodern aus allen Epochen der Erde nach History gebracht und an der Alterung gehindert, waren durch die Ausschaltung zum Tod verurteilt gewesen und starben ...

Andererseits war es allerdings ebenfalls eine Tatsache, daß der entweder von Ras Tschubai oder Fellmer Lloyd stammende ausgeglühte Zellaktivator über Ermigoa an den Tefroder Kalago gelangt war und später von Icho Tolot im Wrack der SAMUR gefunden wurde: Als Mitglied des Wachpersonals von History hatte Kalago im Jahr 6050 vor Christi das Zellaktivierungsfeld kennengelernt. Um dem Geheimnis der Unsterblichkeit auf die Spur zu kommen, kaperte er mit Gesinnungsgenossen die SAMUR, die weitere Menschen nach History bringen sollte. Auf der Spur der Schiffe erreichte die SAMUR das Gercksvira-System, wo Kalago Ermigoa kennenlernte und deren Geliebter wurde. Und Ermigoa übergab ihm den ausgeglühten Zellaktivator ...

Meine grundsätzliche Skepsis wurde durch die Ereignisse auf Wanderer mehr als nur bestätigt, dachte ich. Immerhin hatte ES uns Unsterblichen durch seinen Boten Homunk am 30. September 1169 NGZ den »Ruf der Unsterblichkeit« übermittelt und die Rückgabe der Zellaktivatoren eingefordert!

Mein Logiksektor meldete sich betont sachlich. Im Hintergrund des Ganzen ist vermutlich die eigentliche Begründung für das verwirrende Konstrukt einander widersprechender Geschichtsabläufe, Wirklichkeitsebenen und pararealer Überschneidungen zu suchen!
 
 

*



Als dem Kosmokrat Taurec im Jahr 429 NGZ der Weg hinter die Materiequellen verschlossen blieb, begann er mit einer kosmischen Intrige, die mehrere Galaxien gleichzeitig umfaßte. Unter anderem manipulierte er das Kosmonukleotid DORIFER, über das große Teile des Kosmos gesteuert wurden, um damit ES zu beeinflussen: Taurec wollte die Umwandlung der Superintelligenz in eine Materiequelle einzuleiten!

Der Kosmokrat ging heimlich vor, im Bewußtsein, daß ES sich weigern würde, die Völker der Mächtigkeitsballung durch die dabei zwangsläufig erfolgende Verdichtung der vorhandenen Sternenmassen zu vernichten. Um die Bildung einer Materiequelle voranzutreiben, versuchte Taurec, diejenigen Psionischen Informationsquanten – Psiqs –, die ES’ Entwicklung zu einer Materiesenke beinhalteten, am Rand DORIFERs zu sammeln und so zu beseitigen, doch sein Versuch scheiterte.

Im Zusammenhang mit den Entwicklungen, die zum DORIFER-Schock führten, stieß das Kosmonukleotid die von Taurec zusammengetriebenen Psiqs aus. Sie bildeten ein gefährliches Koagulat, das in das Standarduniversum entwich, weil ES durch Taurecs Manipulationen zu einen Gegenpol für die Psiqs geworden war. Noch während Taurec in DORIFER die entsprechende Impulsfolge abgab, kollabierte das Kosmonukleotid aufgrund des Hangay-Transfers am 28. Februar 448 NGZ, nachdem es schon zuvor instabil geworden war. Die spontane Deflagration gewaltiger Mengen sogenannten Parataus zwangen das Kosmonukleotid, die rund 50.000 zuvor vorgenommene Manipulation des psionischen Netzes und der Psikonstante rückgängig zu machen.

Mit dem Kollabieren kam es zu einer rätselhaften Veränderung der Superintelligenz, die sich schließlich zu einem Zustand totaler Verwirrung ausweitete.

Dennoch schaffte es ES, durch Raum und Zeit einen Hilferuf an ESTARTU aussenden, der diese Superintelligenz vor rund 50.000 Jahren erreichte und sie zu einer gigantischen Rettungsaktion veranlaßte: ES sollte mit Hilfe von Zellaktivatoren von den Folgen der Manipulation befreit werden.

Bevor dieses am 15. Mai 1174 NGZ gelang, brachte der Verwirrungszustand von ES eine Reihe von Wirkungen, die in ihrer Konsequenz viel weitreichender waren, als es im ersten Moment schien. Drei Tage zuvor hatte ich mit Hilfe des Extrasinns die These entwickelt, daß ES, als ein der Zeit nur bedingt oder gar nicht unterworfenes Wesen, im Bestreben, innere Ausgeglichenheit zu erreichen, quasi eine alternative Wirklichkeit konstruierte, in der es wir Unsterblichen durch unser »Versagen« verdient hatten, die Zellaktivatoren abgenommen zu bekommen ... 

Meiner Meinung nach gehörte der Komplex um die Meister der Insel und ihre Geschichte ganz ohne Zweifel zu dem »raumzeitlich-pararealen Verwirrspiel«: Was wir über ihre Aktivatoren erlebten und erfuhren, war bestenfalls ein »Möglichkeitsaspekt«! Die Glaubhaftigkeit konnte deshalb nur unter Vorbehalt in Erwägung gezogen werden.

Ich mußte den »verwirrten« Zustand von ES ebenso berücksichtigen wie den Aspekt eines »pararealen Wirklichkeitsniveaus«.

Aus eigenem Erleben wußte ich, daß solches offensichtlich wiederholt mit der Superintelligenz verbunden werden mußte: Viel zu gut erinnerte ich mich an das Verwirrspiel einander überlappender Welten und Paralleluniversen, in das mich ES und ANTI-ES vor allem in den Jahrzehnten vor Beginn meines letzten Tiefschlafes im Jahr 1971 gerissen hatten.

In der Zeit meiner Larsaf-Verbannung hatte ich keine Möglichkeit gehabt, ES von seinem »inneren« Widerpart ANTI-ES zu unterscheiden. Wie oft hatte ich mit diesem zu tun gehabt, ohne seine wahre Natur zu erkennen? Geflüchtete Androiden, Aufgaben und Manipulationen – wieviel davon ging aufs Konto von ES, wieviel auf das seines Gegenpols? Fragen, die mich seinerzeit quälten, ohne daß ich eine Antwort gewußt hätte. Höhepunkt waren dann die Ereignisse am 3. Juni 1971 gewesen: Der Rhomboeder-Kristall der Armageddon-Maschine mit den von ANTI-ES ausgebildeten »negativen Zukunfts-Perspektiven«!

Erst auf Gäa wurden mir die Ereignisse wieder bewußt, und es bedurfte im Anschluß daran der eingehenden Analyse, um ein halbwegs schlüssiges Bild zu ermitteln – unter Einbeziehung jener Erkenntnisse, die im Verlauf des Kosmischen Schachspiels zwischen ES und ANTI-ES während der Jahre 3456 bis 3458 gewonnen wurden.
 
 


3.



Die Zeit verging im Flug. Fasziniert beugte ich mich vor, ließ vom Stationsgehirn zum dritten Mal eine Audiosequenz wiederholen, lauschte den Gesprächen von Selaron und seiner Tochter, während meine Gedanken teilweise rasten.

Selaron sagte: »...Erinnere dich an die Nomaden auf Tamanium, Tochter! Deine Mutter gehörte zu ihnen. Danaar, der alte Oberpriester, hat es wiederholt betont: Es liegt am Gleichgewicht, sagte er. Wer einatmet, muß auch ausatmen; die Schöpfung gibt nichts umsonst her! Viel zu spät erkannte ich, daß die Kraft des Atems begrenzt ist, daß ich mit den Zellaktivatoren etwas schuf, das unserem Volk Energie raubte, ja vielleicht sogar an den Grundfesten des Kosmos rüttelte. Vergiß nie das Ausatmen, sagte Danaar kurz vor seinem Tod! Er atmete aus, für immer. Ich hab’s vergessen, mußte erst wieder von Danaars Nachfolger Opran, deinem Großvater, daran erinnert werden. Alles ist im Kosmos mit allem verbunden, im Großen wie im Kleinen, aber diese Verbindung ist keine, die unserer konventionellen Welt entstammt, sondern dem n-dimensionalen Kontinuum und seinen Knoten, die gemeinsam ein gewaltiges Netzwerk formen ...«

Kosmonukleotide? dachte ich unwillkürlich. Kann es sein, daß Selaron davon schon wußte? Da fragt es sich, wieviel von der ES-Verwirrung oder der Auseinandersetzung zwischen ES und ANTI-ES letztlich mit einer von DORIFER gesteuerten Funktion zusammenhängt!

Der Logiksektor sagte kühl: Weder du noch sonst jemand weiß wirklich, wie ein Kosmonukleotid wie DORIFER beschaffen ist und über welche Möglichkeiten es verfügt! Ihr glaubt, daß mit den Informationen, die in den Kosmonukleotiden des Moralischen Kodes enthalten sind, die Entwicklung des Universums gesteuert wird. Was aber heißt das? Du warst im Inneren von DORIFER! Aber gibt es hier wirklich die Unterscheidung von Innen und Außen? Immerhin handelt sich um Phänomene, die zum Hyperraum gehören!

Ich seufzte und wischte fahrig übers Gesicht. Es gibt Millionen psionischer lnformationsquanten, durch die im bunten Reigen Informationsketten entstehen und sich wieder auflösen. Auf den ersten Blick ein Zufallsspiel. Solche Informationsketten, lautet die gängige Vermutung der Wissenschaftler, sind Gußformen für potentielle Zukünfte – das erfuhr ich am eigenen Leib und unter großer persönlicher Gefahr, als ich durch Unachtsamkeit die Kontrolle über meine DORIFER-Kapsel verlor.

Die Frage war, welche der potentiellen Zukünfte sich verwirklichte. Welche Kraft war es, die die Informationsketten zur »Wandung« des Kosmonukleotids bewegte, was als Anzeichen dafür galt, daß ein Messenger anlegen würde, um Informationen zu übernehmen? Welche Verbindung gab es unter den einzelnen Kosmonukleotiden, die das Anlegen von Messengers bewirkte – denn Messengers hatten angeblich die Angewohnheit, eine ganze Reihe von Kosmonukleotiden eines Kosmogens in rascher Folge »abzuklappern«.

Ein Kosmonukleotid enthält Informationen, die sich auf die zukünftige Entwicklung des – nur eines? – Universums beziehen. Erinnerungen stiegen auf: Wenn man sich wie ich an Bord einer DORIFER-Kapsel ungeschickt anstellte, konnte es geschehen, daß man in einen solchen Informationspool hineingezogen wurde und, als wäre sie real, eine Zukunft erlebte, die vielleicht irgendwann einmal Wirklichkeit werden konnte. Das nannten wir potentielle Zukunft. Wenn der Zeitpunkt ihrer Verwirklichung verstreicht, ohne daß die Verwirklichung eintritt, verwandelt sie sich in eine potentielle Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die hätte sein können...

Welchen Nutzen sollte aber das Wissen haben, wie die Vergangenheit ausgesehen hätte, wenn dieses oder jenes anders gekommen wäre? Potentielle Vergangenheit letztlich nur Synonym für eine Parallelwelt, eine alternative Wirklichkeit?

Du weißt, daß die Ausgangsdefinition menschlicher Logik entspricht und daher für die Abläufe eines Kosmonukleotids, das ja ein fünf- besser n-dimensionales Gebilde ist, nicht gültig sein kann! raunte meine Innere Stimme.

Welchen Sinn machte es da, zu sagen, daß der Zeitpunkt der Verwirklichung einer potentiellen Zukunft verstreicht? Wie sollte dieser Zeitpunkt bestimmt werden? Konnte überhaupt von einem Zeitpunkt, einem Zeitablauf im konventionellen Sinne gesprochen werden? Meiner Erfahrung mit dem Hyperraum nach nicht!

Den Augenblick, in dem sich Zukunft in Vergangenheit verwandelt, durchfuhr es mich, definieren wir aufgrund unserer Denkgewohnheit – und übersehen dabei völlig, daß Zeit im übergeordneten Kontinuum kein lineares Phänomen ist, sondern vielmehr von einer Omnipräsenz gesprochen werden muß, einem Allesumfassenden Jetzt, einer immerwährenden Gleichzeitigkeit oder gar Zeitlosigkeit! Werden wir Teil des Hyperraums, sprechen wir vom Verlust der Kausalität, weil deren absolutes Gebot nur Teil unserer materiell orientierten Natur ist. Der »Zeitpunkt«, an dem eine potentielle Zukunft sich entweder verwirklicht oder in eine potentielle Vergangenheit verwandelt, läßt sich mit unserem beschränkten Denk- und Wahrnehmungsvermögen gar nicht bestimmen!

Und in gleicher Weise, ergänzte der Extrasinn, kann es dann schwerlich eine Unterscheidung zwischen den potentiellen Welten oder Universen innerhalb eines Kosmonukleotids und jenen Paralleluniversen geben, die außerhalb eines solchen zu erreichen sind! Genau wie es im Zen heißt: Alles ist Eins!
 
 

*



»...beruhen auf ihnen«, fuhr Selaron unterdessen fort, »gestaltbildende Felder, die in unseren Kosmos eingeschlossen sind; sie wirken überall, unabhängig von Raum und Zeit, können mit diesen Begriffen überhaupt nicht erfaßt werden!«

»Du hieltest die Eingeborenen von Tamanium zunächst für Nachkommen von Alt-Lemurern?!« Ermigoa seufzte. »Zumindest für einige von ihnen gilt das wohl nicht, oder?«

»Nein. Danaar dürfte eine Projektionsgestalt gewesen sein! Sicher bin ich mir immer noch nicht, Tochter, aber ... Seit ich im System der 43 Planeten war« – Selaron lachte leise, ich glaubte einen bitteren Unterton herauszuhören – »Hah, 43 Planeten! Einer davon ist eine Kunstwelt, und wer weiß, ob sie sich nicht bewegen kann? Im Raum ebenso wie in der Zeit oder zwischen den Universen?! Die dortigen Wesen behaupteten, länger als die Sonne zu leben, bezeichneten sich als gestaltgewordene Ausdrucksformen eines Bewußtseinskollektivs! Und von diesem habe ich letztlich mein Wissen erhalten! Es war mir nicht bewußt. Auf der Kunstwelt erhielt ich auch den ausgeglühten Zellaktivator; man wollte mir beweisen, daß es mehr solcher Geräte gab und gibt, als die, die ich gebaut habe. Und mir wurde klargemacht, daß unser Hirn, besser unser Bewußtsein, die Schnittstelle zum eigentlichen Kosmos ist, zur realen Wirklichkeit der Universen, zu ihren tiefsten Geheimnissen! Sie haben es mir gezeigt! Zellaktivatoren, Multiduplikatoren, Zeitmaschinen, die Möglichkeit, Sonnen nach Belieben zu gruppieren, nachdem es uns mit den Stoßfeld-Generatoren gelang, die natürlichen Fähigkeiten der Sonneningenieure technisch zu kopieren ... – all das stammte nicht wirklich aus mir allein, sondern war und ist Teil des Ganzen, und wird es immer sein.«

»Vater!« Ermigoas Stimme klang ebenso entrüstet wie besorgt. »Warum schmälerst du ständig deine Leistungen? Warum machst du dir diese Vorwürfe, zerfleischst dich innerlich selbst?«

»Weil ich mir meiner Verantwortung bewußt bin, Tochter, und auch meiner ständig wachsenden Schuld. Unser Leben kostet andere Leben, aber sogar nach Jahrtausenden konnte ich mich nicht dazu durchringen, dieses verfluchte Ding abzulegen. Andere sterben, wir leben weiter, gesund, jugendlich. Ich hänge zu sehr am Leben, will forschen, die Geheimnisse des Kosmos entschlüsseln. Vielleicht findet sich sogar ein Weg, der Tyrannei ...«

»Mirona beherrscht die Große Insel, ist als Faktor I der Tyrann von Karahol! Sie offen bekämpfen zu wollen wäre Selbstmord. Ich weiß, was du vor langer Zeit gesagt hast. Du dachtest bei unserer Flucht, ich würde schlafen. Aber ich habe dich gehört. Du sagtest: Ich werde dich und mich das Sterben lehren – wir haben eine Ewigkeit Zeit, es zu lernen. Was sind ein paar Jahrtausende gegen die Ewigkeit? Der Zeittransmitter hat uns in die Vergangenheit geschleudert, wir kamen in die Ursprungsgalaxis, erlebten den verzweifelten Kampf unserer Vorfahren gegen die Schwarzen Bestien mit ...«

Selaron antwortete zunächst nicht, sagte dann bedächtig: »Nicht zuletzt aus diesem Grund kamen wir hierher, Tochter! Faktor VII versuchte, an Waffensysteme zu gelangen, die die Macht der Meister unüberwindlich hätte machen können. Zum Glück gelang ihm das Vorhaben nicht.«

»Uns ist allerdings der Zugriff ebenfalls verwehrt! Mit dieser Zeitstation können wir nichts mehr anfangen. Sie wird uns beim Kampf gegen die Faktoren nicht helfen können. Es wird Zeit, Vater, daß wir gehen!«
 
 

*



Frösteln schüttelte mich; ich rief eine andere Passage der Aufzeichnungen ab, ließ sie ebenfalls zum wiederholten Mal vorspielen.

»...berichteten jene, die länger als die Sonne leben – was immer das genau bedeuten soll –, auch von einem Inneren Konflikt des Bewußtseinskollektivs, umschrieben es als zweite Krisenperiode!« sagte Selaron Merota zu Ermigoa, während sie an Projektoreinheiten der Stationskuppeln arbeiteten. »Das, was ich mit dem Bau der Zellaktivatoren tat – ohne zu wissen, daß man mich quasi lenkte –, habe die Schließung des Katalytischen Zyklus verhindert! Du weißt, daß man mir nicht sagte, um was genau es sich dabei handelte, aber ich hatte Zeit genug, um einige Thesen zu entwickeln. Ob sie allerdings richtig sind?!«

»Der Einfluß der Knoten des Kosmischen Netzwerks?«

Sie sprechen wirklich von Kosmonukleotiden! Von DORIFER!! dachte ich schaudernd.

»Exakt – Du mußt die Basisfrequenz um siebzehn Einheiten nach unten korrigieren, Tochter. Ja, so ist es richtig ... – Es gab, gibt und wird vielfältige Manipulationen geben! Mit ihnen hängt mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Ausbildung der Abjin-Kräfte unserer lemurischen Vorfahren zusammen! Vor allem bei Zeut-Lemurern – es wurden nur noch Kinder geboren, die im Gehirn eine Paradrüse besaßen, nachdem mit dem Projekt Zeut die Umlaufbahn des fünften Planeten von der langgestreckten Ellipsenbahn in eine fast kreisförmige umgewandelt worden war!«

»Die Schwarzen Bestien zerstören Zeut – und mit ihm die an diese Welt und ihr Hypermetall gebundene Mega-Intelligenz! Um Zeut auszuschalten, griffen die Haluter ja zuerst dort an, nicht Lemur selbst! Wir haben es selbst erlebt, Vater! Nie werde ich diesen gräßlichen Todesschrei vergessen – er raubte mir fast den Verstand! Der 18. Tag des Monats Ezrach im 6332. Jahr seit der Reichsgründung gehörte zu den schlimmsten Tagen meines Lebens!«

»Und all das wechselwirkt mit dem Netzwerkknoten, der für unseren Kosmischen Abschnitt ... hm, zuständig ist! Der Knoten wehrt sich gegen die Manipulationen, reagiert auf sie mit Gegenkräften. Welten überlappen, Universen verschmieren in Bereichen der Schnittmengen, es kommt zur Manifestation scheinbar widersprüchlicher Ereignisfolgen. Auch diese Zeitstation ist ins Geflecht eingebunden – vielleicht gelingt es uns, die mit ihr verbundene Gefahr auszuschalten ...«

»Die Hoffnung geht nicht verloren!« murmelte Ermigoa. »Die Zeit muß nicht ein Gegner sein, wenn du sie zu deinem Freund machen kannst!«
 
 

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Die Mega-Intelligenz von Zeut und die Abjin-Kräfte der Lemurer! Die Zusammenhänge waren unglaublich. Erneut wirbelten meine Gedanken: Der Erinnerungsdruck wurde fast übermächtig. Informationen, zu verschiedensten Zeiten erlangt, verknüpften sich zu einem höchst komplexen Gesamtbild.

Versetzung der CREST in die Vergangenheit, später die Daten, die uns die Lemurer des vormaligen 103. Tamaniums rings um den Temur-Sonnentransmitter zur Verfügung gestellt hatten, die Erkenntnisse der Nullzeitdeformator-Expeditionen und schließlich die Begegnung mit den Paramags nach der Schwarm-Verdummung – alles das wurde wieder lebendig. Das Bild der Tamrätin des 103. Tamaniums Touja Kehoe entstand vor meinen Augen, ebenso der Kommandeur der »Lemurischen Sternengarde«, Admiral Vlasaák ...

Der Logiksektor sagte: Abjin entsprach dem Sanskritbegriff abhijñâ, welcher für »übernormales Gesicht und Gehör, Gedankenlesen, Kenntnis von wunderbarer Kraft und die Erinnerung an frühere Existenzen« stand. Die Lemurer umschrieben mit Abjin paranormale Kräfte, die allerdings nicht sonderlich ausgeprägt gewesen waren und sich meist auf den Nahbereich beschränkten. Nur die Blockbildung vieler führte zu Effekten, die denen terranischer Mutanten entsprachen. Andererseits bedingte aber die sehr verbreitete Form der Abjin-Kräfte die rasche Ausbildung einer non-verbalen Kommunikationsform, die jedoch nicht mit Telepathie verwechselt werden darf. Ihre Einbettung ins religiös-mystische Weltbild der Lemurer war bald so ausgeprägt, daß in Schriftdokumenten kaum noch näher darauf eingegangen wurde.

»Im zwölften Jahr des lemurisch-halutischen Kriegs«, murmelte ich, »also minus 50.068, wurde der Planet Zeut, eine Welt mit einem Durchmesser von 10.388 Kilometern und einer Schwerkraft von 0,96 Gravos, durch die für die Lemurer so traumatische Haluterattacke vernichtet.«

950 Jahre nach der ersten Mondlandung, im Jahr -50.950, hatten die Lemurer das Projekt Zeut begonnen: Der 5. Planet – ursprünglich auf einer langgestreckten Ellipsenbahn mit 24° Neigung zur Ekliptik, einem Perihel von 110 Millionen Kilometern, einem Aphel von 10,5 Milliarden Kilometern und einer Umlaufdauer von 298 Jahren –, sollte behutsam auf eine neue Bahn ohne Ekliptikneigung gebracht werden.

Nach 110 Jahren wurde des Projekt erfolgreich abgeschlossen; Zeut besaß fortan als neue Periheldistanz einen Wert von 400 Millionen Kilometern, bei einem Aphel von 450 Millionen Kilometern und einer auf 2,98 Jahre reduzierten Umlaufzeit, was einer siderischen Umlauf von 691 Tagen zu 37,78 Stunden entsprach.

Seinerzeit hatten wir uns gefragt, warum dieses besondere Interesse der Lemurer wie auch der Haluter an Zeut bestand, und in welcher Beziehung dieser Name überdies zum Zeus der griechischen Götterwelt einzuordnen war. Denn daß es einen Bezug gab, war unstreitig – ähnlich wie das für die Begriffe Lemurer, Maghan oder Abjin ebenfalls galt.

Erst die Begegnung mit den Paramags lieferte hierzu den letztlich entscheidenden Hinweis, weil lemurische Überlieferungen recht vage blieben, dachte ich.

Die Paramags entdeckten um -50.100, daß Zeut große Mengen von PEW-Metall enthielt – Parabio-Emotionaler-Wandelstoff; in der Paramag-Sprache »Payn-Hrun-Tala«, »Leben im Höchstmaß«, genannt. Es handelte sich um ein im Normalzustand mattsilbernes bis zinngraues, formbar weiches Metall, das sich durch parapsychische und hyperenergetische Strahlung in ein türkisschillerndes, diamanthartes Material verwandelte und selbst zum 5D-Strahler wurde.

Bei dieser Hyperaufladung fand eine Umpolung statt, so daß ein »frequenzbedingtes Machtbewußtsein auf verformungsmaterieller Paradox-Intelligenz« – kurz: »Paradox-I-Komplex« – entstand, wobei Intensität und Reinheit des Glanzes ein Maßstab für das Ausmaß der Intelligenz war. Die Intelligenz des PEW-Metalls ließ sich mit IV-Tastern feststellen; schon bei 100 Gramm war eine »paramodulierte Mentalstrahlung« zu registrieren, es gab Selbsterhaltungstrieb und Angstreaktionen, und andere Strahlungen, vornehmlich solche der 5D-Ebene, konnten abgeleitet beziehungsweise absorbiert werden. Atomare Prozesse, vor allem Atomexplosionen, bewirkten, daß sich das PEW in 5D-Energie verwandelte und dadurch automatisch zum Bestandteil des Hyperraums oder eines dimensional übergeordneten Kontinuums wurde.

Professor Waringer fand seinerzeit heraus, sagte der Extrasinn, daß es sich bei PEW um eine scheinbar metallische Substanz handelte, deren atomare und molekulare Struktur sich so beeinflussen und verändern ließ, daß unter gewissen Bedingungen eine Intelligenz entstand: Der Stimulus, der zu ihrem Aufbau führte, war fünfdimensionaler Natur. Wichtig war, daß er während der Aufbauperiode ständig anwesend sein mußte, sonst geriet der Prozeß ins Stocken, denn die Neugruppierung der Atome und Moleküle zerfiel mit einer gewissen Relaxionszeit, und die »Paradox-Intelligenz« verschwand.

Das PEW-Metall gab somit mehrere Erklärungen, die sich mit dem Rätsel Zeut verbanden: Beim Haluterangriff mit seinen nuklearen Explosionen wurde erstens der PEW-Umwandlungsprozeß ausgelöst! Deshalb konnte in den Trümmern wenig respektive kein PEW übrig bleiben, so daß die Terraner es nie fanden. Die beachtliche PEW-Menge bedingte zweitens auch die überaus heftige Reaktion, durch die Zeut zerrissen wurde, sowie die gewaltige Staubwolke, die die Vereisung der Erde zur Folge hatte, in deren Verlauf der Kontinent Lemuria unterging. Das verschwundene, sprich in den Hyperraum abgestrahlte PEW war überdies die fehlende Restmasse des ursprünglich 10.388 Kilometer großen Planeten – denn sogar wenn man einige Monde Jupiters oder Saturns als Zeutrestkörper einbezog, reichte die Gesamtmasse der Planetoiden und Asteroiden zwischen Mars und Jupiter nicht aus, eine Welt von der Größe und Masse Zeuts zu bilden!

Letztlich erzeugten die mit der Besiedlung Zeuts verbundenen Hyperstrahlungen also jene riesige »Paradox-Intelligenz«, welche die Lemurer ebenfalls Zeut nannten: Zeut war in der Tat eine Mega-Intelligenz von den Ausmaßen eines Planeten und von seinem Ursprung her engstens mit den Lemurern und ihrer Kultur verbunden, und mit dieser Mega-Intelligenz, dem »Blitzeschleuderer Zeus«, waren Eigenschaften und Fähigkeiten verknüpft gewesen, die die Haluter veranlaßten, zunächst Zeut und nicht Lemur selbst zum Ziel einer Hauptattacke zu machen.

Inwieweit es überdies Zeut gewesen war, der die Aufmerksamkeit von ES auf die Lemurer lenkte, mußte offen bleiben, besaß aber große Wahrscheinlichkeit. Denn daß die Lemurer zumindest zeitweise einen ähnlichen Status wie später die Terraner besaßen, war unbestritten. Spätestens mit der Erhöhung der Psikonstante durch DORIFER im Jahr -50.027 infolge des Eindringens der NARGA SANT von Tarkan in unser Universum brach der Kontakt aber offensichtlich ab.
 
 


4.



Und eine andere Passage der Aufzeichnungen: »...Ich denke«, sagte Selaron, »daß der ausgeglühte Zellaktivator Ausdruck der vielfältigen Manipulationen ist! Ihm haftet ein Negativer Aspekt an, der scheinbar jeder klaren Bestimmung widerspricht! Die Möglichkeit, daß es doch noch zur Schließung des Katalytischen Zyklus kommt, besteht weiterhin – es wäre vermutlich eine Katastrophe für alle Lebewesen unserer Art, wie sie nicht größer sein könnte!«

Die negative Strangeness! dachte ich. Obwohl die Strangeness eigentlich nur zwischen den Werten Null und Eins angesiedelt ist und hierbei die »Distanz« zwischen Universen umschreibt, wurden wiederholt Werte negativer Strangeness ermittelt – unter anderem bei dem ausgeglühten Zellaktivator! Es wurde zunächst als Effekt der Zeitversetzung gedeutet, später von Moira als Auswirkung der »anderen Möbius-Seite« des Universums, des sogenannten Arresums, dargestellt.

Daß der Wechsel zwischen Plus- und Minusseite, zwischen Arresum und Parresum, seither in erster Linie von den Wissenschaftlern mit negativer Strangeness verbunden wird – Meine Innere Stimme wurde lauter –, widerspricht nicht der Überlegung, daß solches auch ein Effekt sein könnte, der mit Reaktionen DORIFERS oder der Kosmonukleotiden insgesamt zu tun hat: In beiden Fällen sind damit Wechsel zwischen Wirklichkeitsebenen verbunden, die über den »einfachen Sprung« zwischen benachbarten Parallelwelten hinausgehen!

Das »Selaron-Fragment« erklärte das Entstehen der Sonnentransmitterverbindung zwischen Milchstraße und Andromeda beispielsweise durch das Schließen einer Zeitschleife! Auch die Rettung von ES durch die Nakken ist ein solcher Bogen durch die Zeit, gleiches gilt für Programmierung und Ausschaltung des arkonidischen Robotregenten: Nicht nur unsere Zeitversetzung und die Begegnung mit Epetran war ein solcher Zirkelschluß, kaum weniger wirkte mein Handeln vor kurzem auf Arkon III und die Erkenntnisse, die Joriega dadurch gewann.

Vor diesem Hintergrund, wisperte der Logiksektor, fragt sich, ob die Schließung des Katalytischen Zyklus tatsächlich etwas Negatives ist, wie Selaron vermutete, oder ob damit nicht vielmehr überhaupt die Welt, wie du sie kennst und erinnerst, entstand respektive entsteht oder entstehen wird – immerhin liegt deine Real-Gegenwart zur Zeit mehr als zehn Jahrtausende von der jetzigen Relativ-Gegenwart entfernt.

Es verknotet einem die Gehirnwindungen! Endgültige Klarheit gibt wohl nur das eigene Erleben! Denn irgendwann, Jahrtausende später, durchfuhr es mich, gelangte Ermigoa nach Peschnath. Dort begegnete ihr vor wenigen Jahrhunderten – von der jetzigen Relativ-Gegenwart aus betrachtet – der Tefroder Kalago ... Ein Vorfahre des heutigen Imperators, Reomir I., versuchte in der Eastside das Projekt Tiga Ranton umsetzen zu lassen, doch dieses endete in einer Katastrophe, aus der die Linguiden hervorgingen.

Ob Ermigoa und ihr Vater Erfolg im Kampf gegen die MdI gehabt hatten, ließ sich nicht sagen. Ausschließen wollte ich es insofern nicht, weil es sogar im Jahr 1290 NGZ weiterhin viele offene Fragen gab. Mit ihrem ganzen Rüstungspotential hatten die Meister jedenfalls nicht gegen uns gekämpft, und viele ihrer Aktionen wirkten – im Nachhinein betrachtet – sonderbar halbherzig, bei aller sonst an den Tag gelegten Brutalität.

Und von einem endgültigen Sieg kann ohnehin nicht gesprochen werden, wisperte der Extrasinn grämlich. Mehrmals hattest du es mit überlebenden Meistern oder ihren Duplos zu tun ...

Diesmal war ich es, der ein Wiederbeleben vergangener Zeiten unterdrückte. Das ist eine andere Geschichte, an die ich mich jetzt ganz bestimmt nicht erinnern möchte!

Unwillkürlich dachte ich aber an Ereignisse, die sich 1282 NGZ auf der Erde zutrugen und in einem zeitweisen Ausfall der Mondsyntronik NATHAN gipfelten. Auf Camelot erfuhren wir erst später davon, unter anderem durch eine direkt an den Ereignissen beteiligten Person: Der Agent des Terranischen Liga-Dienstes der Abteilung Medienüberwachung, Giuseppe »Giu« Fiorentini, erhielt von NATHAN die Auskunft, daß seine im Jahr 1262 NGZ »auf einen anderen Planeten ausgewanderte« Geliebte Rueta Notan mit ihrer 1260 NGZ geborenen Tochter Jessica mit großer Wahrscheinlichkeit nach Camelot gegangen sei. Fiorentini quittierte daraufhin Ende 1282 NGZ den TLD-Dienst und schaffte es, Anfang 1283 NGZ nach Camelot zu gelangen, wo er dann tatsächlich Rueta wiederfand.

Im Zuge der eingehenden Überprüfung seiner Person gab er einen ausführlichen Bericht ab, an dessen Ende zwar weiterhin etliche Fragen offen bleiben mußten, unter dem Strich jedoch ein Bild entstand, das in sich stimmig war.
 
 

*



Laut Fiorentini war Eversio Daruga, der reiche Besitzer der Tasei-Stadt Agati-Tas, maßgeblich in die Ereignisse von 1282 NGZ verwickelt, ein Mann, der »ganz verrückt auf Andromeda und die Meister der Insel« war und Relikte aus dieser Zeit sammelte.

Inwieweit ein nie aufgeklärter Einbruch ins Lemuria-Museum von Terrania im gleichen Jahr damit in Zusammenhang stand, mußte offen bleiben. Ermigoas Armreif jedenfalls war und blieb seither spurlos verschwunden! Vermutungen, daß es sich beim Auftraggeber der Einbrecher um Eversio Daruga gehandelt haben könnte, konnten leider nicht verifiziert werden, behielten aber ein hohes Maß an Wahrscheinlichkeit.

Daruga jedenfalls arbeitete mit einem Bionten namens Delgado Escapo zusammen, der offensichtlich in der Lage war, ein eigenständiges Universum zu betreten, über das er die absolute Herrschaft ausübte und in dem er uneingeschränkte Macht besaß!

Im Verlauf der Ereignisse manipulierte Escapo NATHAN; Fiorentini sagte uns wörtlich:

»Er hatte die Mondsyntronik irgendwie davon überzeugt, daß der Krieg mit den Meistern der Insel noch nicht beendet war. Er gab ihr falsche Dateien ein, zwang ihr eine parallele Wirklichkeit auf. Deshalb war NATHAN in einer Endlosschleife gefangen und führte nur noch Selbsttests durch. Das Mondgehirn mußte alle Aktivitäten unterbrechen, auch die Wetterkontrolle auf der Erde. NATHAN stellte immer mehr parallele Abweichungen zur eigentlich gesichert gedachten Vergangenheit fest, die in den Speichern völlig gleichberechtigt neben den bekannten Daten standen. Zeitweise waren es mehr als 640 solcher Dateien!«

Weil durch die Manipulationen von Universen die Gefahr bestand, daß das Kosmunukleotid DORIFER reagieren könnte, trat mit Forch ein »Statistiker des Universums« auf den Plan, dem es offensichtlich gelang, den Manipulationen ein Ende zu setzen – hierbei starben Eversio Daruga und Delgado Escapo.

»In NATHANS Speichern befanden sich im Anschluß daran keine Dateien mehr aus einer parallelen Realität«, berichtete Fiorentini. »Allerdings korrigierte NATHAN sich dann und sagte, es existiere doch eine. Sie beeinträchtige aber seine Funktionen nicht ...«
 
 

*



Bei dieser einen Datei handelte es sich ausgerechnet um jene, die dem Inhalt des »Selaron-Fragments« entspricht! dachte ich.

Die gleichberechtigte Existenz der Datei mit der Kodebezeichnung TBMV-288-3811851-36-5, Titel »Schmied der Unsterblichkeit«, neben der der »offiziellen Geschichtsschreibung« konnte sich die Mondsyntronik nicht erklären; sie waren beide ganz einfach vorhanden, auch wenn sie einander und vor allem den als »gesichert« angesehenen Erkenntnissen über die Entstehung der Meister der Insel widersprachen ...

Genau betrachtet war die Existenz dieser Datei gar nicht so merkwürdig – ging sie doch vermutlich auf Ermigoas Armreif zurück und besaß somit eine eigenständige und durchaus berechtigte Realität, die weniger mit Escapos Manipulationen zu tun hatte. Sie entsprach vielmehr dem realen Zeitablauf, obwohl sie im Widerspruch zu den »Zusatzdaten« stand, die wir zur Zeit der ES-Verwirrung gewonnen hatten.

Mehr noch: Daß sie weiterhin in NATHAN existierte, war sogar ein sehr eindeutiges Indiz dafür, daß es sich bei den parallel dazu existierenden Informationen um parareal-»unwirkliche« Schattenbilder jener Welt handelte, die im Verlauf der ES-Verwirrung – letztlich wohl von DORIFER – manifestiert wurden!

Der Moralische Kode, wisperte der Logiksektor, enthält in seinen Psionischen Informationsquanten und Kosmonukleotiden sämtliche Aspekte der möglichen Entwicklung aller Universen, mögen sie als einander parallel, vergangen oder zukünftig erscheinen! Aufs ganze bezogen ist die Realität der Universen, der parallelen Zeitabläufe oder wie immer du es im Einzelnen nennen willst, einander gleichberechtigt!

Es war eine fast atemberaubende Erkenntnis für mich. Und wenn die Kosmonukleotide hierbei quasi als Schnittstellen fungieren, kann es zu Überlappungen, Verschmierungen und dergleichen kommen, einer n-dimensionalen Unschärfe! Genau das scheint hinsichtlich der Meister der Insel und ihrer wahren Herkunft zuzutreffen! Je nachdem, von welchem Standpunkt aus ein Beobachter sie und ihre Entwicklung betrachtet, erscheint ein verändertes Bild – genau wie die Meßmethode bestimmt, ob ein Quant als Teilchen oder Welle beobachtet wird!

Der Logiksektor sagte: Denk an die Mythen: Dieses Wissen ist im Grunde doch weit verbreitet! Die buddhistische Allegorie von Indras Netz spricht von einem endlosen Netz von Fäden, wobei die waagerechten durch den Raum und die senkrechten durch die Zeit verlaufen. An jedem Kreuzungspunkt ist ein Individuum in Gestalt einer Kristallperle zu finden. Das große Licht des Absoluten Seins erleuchtet und durchdringt jede Perle; darüber hinaus spiegelt jede Perle nicht nur das Licht einer jeden anderen im Netz, sondern auch jede Spiegelung jeder Spiegelung, womit die vollkommene Verbundenheit von allem mit allem symbolisiert wird ... Meiner Meinung nach umschreibt diese Allegorie das, was die Kosmonukleotide tatsächlich darstellen, besser als es Wissenschaftler je könnten: Auch sie sind solche Perlen und ihre quasi unendlichen Spiegelungen ... Oder wie es der Kelosker Dobrak einmal formulierte: Alle Universen sind nichts anderes als funktionierende und in sich geschlossene Illusionen! Und deren Ursprung bezeichnete er als die Große Realität!

Ein hyperphysikalischer Tunneleffekt – genau wie Kalup vermutete? Das Überspringen von Informationen vom Ganzen auf die integrierten Einzelteile? Unwillkürlich dachte ich auch an eine Datensammlung, die in meiner Real-Gegenwart unter den Wissenschaftlern für einige Aufmerksamkeit sorgte. Sie wurde Professor Geoffry Abel Waringer – als Eremit von Satrang 1143 NGZ verstorben – zugeschrieben und galt als sein Vermächtnis, umschrieben als »waringer-file«.

Darin hieß es wörtlich: ...Was mit den fünf Sinnen eines Individuums als Wirklichkeit erfahren wird, ist letztlich die Vergegenständlichung der ursprünglichen Erfahrung des Bewußtseins, die sich im niederdimensionalen System der Welt manifestiert. Alles körperlich-materiell Verwirklichte kann deshalb als Ausdehnung von Bewußtsein gekennzeichnet werden, wobei die individuellen Körper dessen Projektionen sind. Die subjektive Realität eines einzigen Wesens, für sich allein genommen, reicht deshalb aus, ein Universum für sich zu formen...

Je länger ich nachdachte, desto mehr Verbindungen und Verknüpfungen ergaben sich; es war kaum möglich, sie hier und jetzt allesamt zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzusetzen. Dinge, die mit den Meistern der Inseln, den Lemurern, aber auch mit vielen anderen Erlebnissen in Zusammenhang standen und Teil meiner Erinnerungen waren. Ob ES und ANTI-ES, DORIFER und Kosmonukleotide, die Bezüge zum von Regnal-Orton angestrebten Ziel vor 1,2 Millionen Jahren. Suprahet, Oldtimer-Petronier-Barkoniden, ihre Fallensysteme, MIRACLE, die Angriffe der Horden von Garbesch in Seth-Apophis’ Auftrag, Hinterlassenschaften des Großen Galaktischen Kriegs ...

Das alles aufzuarbeiten und in korrekte Bezüge zu bringen würde Jahre beanspruchen, durchfuhr es mich. Ganz abgesehen davon, daß noch viele Puzzleteile zur Vervollständigung fehlen. Ich bin mir sicher, daß Selaron Merota ein wichtiger Schnittpunkt in dem Ganzen ist, nicht nur, was die Zeitstation auf Traversan betrifft. Immerhin besaß er direkten Kontakt zu ES! Könnte es sein, daß dieser bemerkenswerte Mann immer noch lebt? Vielleicht sogar in meiner Real-Gegenwart? Seine Tochter Ermigoa scheint jedenfalls – sofern sie keine weiteren Zeitreisen unternahm – an die 50.000 Jahre alt geworden zu sein! Man sollte sich mal intensiver um die Meister der Insel und vor allem Selaron Merota kümmern; mit ihnen sind ohne Zweifel noch viele weitere Rätsel der Vergangenheit verbunden! Tatsache jedenfalls ist, daß alles, was mit den MdI zusammenhängt, viel komplexer ist, als es auf den ersten Blick erscheint – und bei weitem nicht abgeschlossen dürfte!

Jetzt hast du einen weiteren Beweis erhalten, Arkonide! Der Extrasinn kommentierte meine Überlegungen und Erinnerungen. Selaron und Ermigoa waren in der Zeitstation und sorgten für ihre Desaktivierung; es gab die beiden wirklich – zumindest in einer der vielen Realitätsebenen! Leider berücksichtigten sie nicht, daß irgendwann die Energieversorgung der Speicher sich erschöpfen und die Labilzonen-Entrückung enden würde. Die Zeitstation materialisierte auf Traversan ...

»Und der Rest ist bekannt!« Ich seufzte abgrundtief und schüttelte das Erstaunen ab. Der von ihnen an der A-Kuppel angebrachte Text besaß einen viel tieferen Sinn, als es auf den ersten Blick wirken mochte:

Mach die Zeit zu deinem Freund, und es besteht Hoffnung!
 
 

*



Ich wandte mich abschließend an die Steuerpositronik, nachdem ich eine Kristallspeicherkopie der Aufzeichnungsdateien erstellt hatte: »Grundsätzlich bist du dir deiner vollen Funktionsbereitschaft sicher, Gehirn?«

»Soweit es meine Programmstrukturen und die Datenarchive betrifft, ja. Hinsichtlich der Zeitstation insgesamt kann nur ein mindestens zehnstündiger Selbsttest darüber eindeutig Auskunft liefern – sofern du es mir ermöglichst, Maghan, Zugriff auf die übrigen Aggregate zu erlangen.«

Ich sah auf die Uhr; draußen mußte die Sonne längst untergegangen sein. Also ein weiterer Tag Aufschub bis zur Trennung ... Nachdenklich wog ich den Speicherkristall in der Hand. Es fragt sich, ob ich in der Real-Gegenwart des Jahres 1290 NGZ davon berichte oder nicht ... – viele würde es vermutlich ohnehin nur verwirren! Atlan, schon im Kristallimperium eine persona non grata, wirft die Geschichte der MdI über den Haufen! Die Larsaf-Barbaren hatten schon immer den Hang, eher den Überbringer von – meist schlechten – Nachrichten ins Jenseits zu befördern, als etwas an der Situation zu ändern ... 

Konservative Historiker werden Zeter und Mordio brüllen, Beuteterraner! Zum Glück ist Steinigen etwas aus der Mode gekommen.

Ich seufzte und verstaute den Kristall in der Brusttasche.
 
 


EPILOG



Atlan drängte mit Mühe den Schwall der Bilder und Geräusche zurück, bevor er zu tief in ihnen versank und doch noch dem Sprechzwang erlag. An das, was den Ereignissen in der Zeitstation folgte, wollte er sich jetzt absolut nicht erinnern. Boncards Musik war längst verklungen, Stille lastete bedrückend auf dem Raum. Ein Seufzen entrann Atlans Brust.

Mit einem Ruck stand er auf, ergriff den Speicherkristall und deponierte ihn im Wandtresor.

»Es heißt, die Zeit heile alle Wunden«, flüsterte der Arkonide im kaum verständlichen Selbstgespräch. »Wer diese Behauptung aufstellte, besaß kein photographisches Gedächtnis, verflucht! Dennoch, alter Mann, konzentriere dich auf die Gegenwart – hier und jetzt ist nicht der Augenblick zu entscheiden, ob die Rätsel der Vergangenheit besser ruhen sollten oder nicht.«

Er schloß die Tresortür mit einem Ruck, zog sich nach einer Dusche um und verließ die Suite. Als Atlan die Zentrale der RICO betrat, war ihm nichts anzumerken; ein Pragmatiker wie er hatte in seinem langen Leben gelernt – lernen müssen! –, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Und das ist die Gegenwart das Jahres 1290 NGZ mit all ihren Problemen und Schwierigkeiten! Der Logiksektor wisperte eindringlich. Du hast damit genügend zu tun, da bedarf es keiner Gespenster aus ferner Vergangenheit oder pararealen Welten, mein Lieber!
 
 

ENDE



© Rainer Castor, 1998/99