Splitter 4

 

RAUMSCHLACHT IM KHORSAL-SYSTEM

von Rainer Castor

ergänzter Auszug aus PR-Taschenbuch 396
 
 

27. Prago des Messon 10.513 da Ark "Heiße Phase" des Kriegs gegen die Methanvölker

 

"...kein Zweifel, Erhabener. Ein Aufmarsch der Methans im Bhequel-System! Damit ist Jangtu IV in direkter Gefahr!" Kwan von Arthamins Meldung klang sachlich, leicht schnarrend der Unterton; der Sonnenträger, gerade vom Aufklärungsflug zurückgekehrt, unterdrückte die zweifellos in ihm tobende Wut. "Auf Bhequel III wurden keine Zerstörungen angemessen. Tato Hucyar muß sich kampflos ergeben haben. Entschlüsselte Funksendungen belegen, daß er schon eine ganze Weile mit den Methans zusammenarbeitet. Das ist Hochverrat!"
 

Der Admiralsstab Sakàls war im Hauptquartier von Jangtu versammelt. Vereinzelt erklang Hüsteln. Admiral Sakál blieb äußerlich ruhig und wies auf den Kartentank des Konferenztisches, an dem die Orbtonen Platz genommen hatten. Vor jedem von uns befand sich ein Terminal, das bei Bedarf Zugriff zur Hauptpositronik gestattete. »Markierung Raumgebiet um Bhequels Stern.«

In der holografischen Darstellung glitzerten Tausende Lichtpunkte. Mittelpunkt der quaderförmigen Projektion war der Kugelsternhaufen Thantur-Lok; am unteren Bildrand schimmerte das Lichtermeer der Milchstraßenhauptebene wie eine Nebelfläche – aus diesem Grund auch Nebelsektor genannt –, während rechts die mächtige Verdickung der zentralgalaktischen Region ausschnittshaft zu erkennen war. Eine violette Markierungslinie reichte vom Kugelsternhaufen nach unten. Der Astro-Offizier sagte mit rauher Stimme: »Sternbild Auge des Imperators, Erhabener. Nebelsektor Mitte K-I, Entfernung zu Arkon 17.417 Lichtjahre.«

Ein Positionslicht begann grün zu blinken, vielzackige Sternchen markierten Kämpfe und Kriegsschauplätze. In der Jahresmitte 10.513 von Arkon – der Methankrieg tobte seit knapp einen Jahr in »heißer Phase« – lagen die meist umkämpften Sektoren im Nebelsektor Mitte. Alles deutete darauf hin, daß die Methanvölker, an der Spitze die Maahks, einen Gewaltvorstoß Richtung Arkon versuchten.

Vor drei Pragos war ich wieder im Jangtu-System angekommen; der vorgeschobene Flottenstützpunkt, binnen Jahresfrist zum Festungssystem und Hauptquartier Admiral Sakàls ausgebaut, schien zu brodeln. Mein Verband, das 132. Imperiums-Einsatzgeschwader »Kristallprinz«, wurde zum 18. EG der Nebelsektorflotte: Auf Arkon III zur Sollstärke hochgerüstet, umfaßte es neun Flottillen Schlachtschiffe, Schwere und Leichte Kreuzer, dazu die Flottille der Raumlandetruppen und die Stabs-Lakan mit der TOSOMA als Flaggschiff, insgesamt 1010, häufig werftneue Raumer. Kwan von Arthamin, Kommandeur der 9. Flottille, der Eliteeinheit meines Geschwaders, war von mir mit Erkundungsflügen beauftragt worden und hatte sich weit in feindliches Gebiet vorgewagt.

»Ausschnittsvergrößerung, Stufe Zwei«, befahl Admiral Sakàl; schlohweißes Haar, im Stirnbereich gelichtet, umrahmte gepflegt ein Gesicht, dem man das Alter kaum ansah. Der dreifache Sonnenträger, Mascant im höchsten Offiziersrang nach Imperator und Vize-Imperator, war 120 Jahre alt. Als schimmernde Platte bedeckten Auszeichnungen seine Brust; Kometenspangen, das Sonnensiegel, der Kristallstern für besondere Tapferkeit - als einer der wenigen hatte er sich einen Dreck um Orbanaschols Intrigen geschert....

»Kommt sofort, Erhabener.«

Sakàl lebte seit Jahrzehnten meist an Bord seines Flaggschiffes THANTUR-LOK und stemmte sich, von den Flottenverbänden, die seiner Befehlsgewalt unterstanden, umgeben, den Methanatmern entgegen. Nicht mal Orbanaschol wagte es, gegen diesen Mann vorzugehen.

Die Darstellung blendete um. Bildmittelpunkt war nun Bhequels Stern, der Quader umfaßte Sonnen im Umkreis von 1000 Lichtjahren. Rasterlinien schufen ein Raumgitter mit Abständen von 100 Lichtjahren. Jangtu IV und Bhequel III, etwa 750 Lichtjahre voneinander entfernt, lagen ziemlich genau auf der Strecke, die Richtung Thantur-Lok zielte. »Distanz Arkon-Jangtu: 16.666 Lichtjahre.«

Nachdenklich musterte Sakàl den Kartentank, rief Informationen ab und las rasch wechselnde Zeilen des Monitors. Im Kartentank blinkten die Symbole von Flottenverbänden, hellblau unsere eigenen, grellgelb die der Methans. Jangtu IV, vor zehn Jahren noch eine verschlafene Siedlungswelt, mit Ausbruch der »heißen Kriegsphase« Flottenstützpunkt und inzwischen Zentrum eines Systems, dessen militärischer Stellenwert durchaus mit Trantagossa vergleichbar war, wurde von Raumplattformen umkreist; auf allen Planeten und Monden des Systems gab es Abwehrstellungen.

Insgesamt achtzehn Geschwader standen einsatzbereit im Nebelsektor Mitte: Das 1. bis 7. Schlachtschiffgeschwader, das 8. bis 12. Kreuzer-, das 13. Aufklärungs-, das 14. und 15. Reserve- sowie das 16. bis 18. Einsatzgeschwader – in der Gesamtheit mehr als 15.000 Schiffe, zur Nebelsektorflotte Sakàls zusammengefaßt. Die im Nebelsektor liegenden Siedlungswelten unterhielten darüber hinaus eigenständige Schutzverbände, häufig nur wenige Flottillen, in der Schlagkraft aber nicht zu unterschätzen.

»Die Stärke des Feindes steht nicht genau fest – ständiger Nachschub erschwert jede Einschätzung –, aber wir gehen von mindestens dreißig Geschwadern aus, allein im Nebelsektor« – Sonnenträgerin Preenkwoa del Monotos runzelte die Stirn und verschränkte grimmig die Arme – »Etwa 30 bis 40.000 Schiffe, meist älterer Bauwart, schlechter geschützt und bewaffnet als unsere, und vor allen Dingen deutlich kleiner.«

»Die Methans setzen auf Materialüberlegenheit, Masse statt Klasse, und machen uns auch so genug zu schaffen, Erlauchte.«

Fröstelnd dachte ich daran, wie sehr die massierten Streitkräfte unser Fassungsvermögen überstiegen, als erste Aufklärungsmeldungen eintrafen: 800.000 und mehr Schiffe, mindestens 300.000 Kampfraumer im durchgehenden Einsatz!

Immer noch ist unklar, woher die Methans diese gewaltige Raumschiffproduktion beziehen, raunte mein Logiksektor. Daß jede nicht vollständig zerstörte Einheit geborgen und instandgesetzt wurde, blieb ein Teilaspekt. Ihre Besatzungen jedenfalls waren Ergebnis der unglaublichen Vermehrungsrate dieser eierlegenden, aber säugenden Fremdgasatmer. Wir hatten sie eindeutig unterschätzt!

»Im Umkreis von 1500 Lichtjahren liegen etwa zweihundert Siedlungswelten, die aus berechtigtem Grund um den Fortbestand bangen«, sagte ich. »Mit Bhequels Tato haben wir den ersten Hochverratsfall dieser Größenordnung. Wenn sich dort Methans auf Dauer festsetzen, haben sie einen strategisch wichtigen Brückenkopf. Großadmiral Grek 1108 erweist sich wieder mal als Könner.«

Ich kannte Kwans Erkundungsergebnisse auswendig, über ihre Analyse bestand kein Zweifel. Der Sonnenträger salutierte exakt und war nach Sakàls Nicken entlassen; mit knirschendem Schutzanzug, den Bildfunkhelm unter den linken Arm geklemmt, verließ er den Saal.

»Orbtonen! Die Lage ist eindeutig – wir erleben den Beginn der 23. Auffangschlacht!« Sakàl ergriff den Markierungsstab und hob ein System im Kartentank hervor. »Khorsal! Liegt fast in der Mitte, 16.844 Lichtjahre von Arkon entfernt. Dort werden wir sie erwarten!«

»Khorsal ist ein Doppelsonnensystem«, ergänzte der Astro-Offizier mit Blick aufs Terminal. »Zwei G0-Komponenten von exakt gleicher Ausstrahlung, etwa fünf Millionen Kilometer voneinander entfernt. In hundert Millionen Kilometern Distanz gibt's eine Ringschale; Milliarden Trümmer, Asteroiden und Planetoiden. Einige bis zu dreitausend Kilometer groß. Das merkwürdigste, Erhabener, ist allerdings der Brennpunkt zwischen den beiden Sonnen: Wir haben unregelmäßige Entladungen angemessen, fast so, als fänden Transitionen statt. Die hyperphysikalischen Kräfte der Sonnen scheinen alle paar Wochen Aufrisse zu erzeugen, die den Normalraum sprengen.«

Ich runzelte die Stirn. »Orientierungs-Austritt für die Methans könnte in der Tat Khorsal sein; die Aufrisse wirken fast wie ein Leuchtfeuer...«

»Weil die Methans dies ebenfalls erkennen, werden sie sich aus logischen Gründen hüten, dort aufzutauchen.« Sakàls Lächeln wurde gefährlich sanft. »Deshalb, Kristallprinz, müssen wir ihnen eine Falle stellen!«

Es war dem alten Admiral anzusehen, daß er einen verwegenen Plan faßte. In den folgenden Stunden besprachen wir die Einzelheiten von Logistik und Vorgehen. Sakàl entwickelte Vorstellungen, die im Admiralitätsstab zunächst Staunen hervorriefen, um nicht zu sagen Entsetzen. Im Verlauf der Detailplanung schwangen alle Bedenken aber rasch in Begeisterung um.

»Kristallprinz – du und dein Geschwader haben eine Schlüsselrolle«, sagte Sakàl abschließend. »Deshalb wirst du auch die Verhandlungen mit unserem Kontaktmann führen. Von seinem Einsatz hängt alles ab.«

»Jawohl« – Ich neigte den Kopf – »Erhabener.«

 

*

 

»Mag sein, Erhabener.« Patriarch Zagaria gab sich immer noch nicht zufrieden. »Ich muß an meine Sippe denken!«

Er schacherte meisterhaft um jeden Merkon und Skalitos. Glaubhafter konnte seine Tarnung gar nicht sein. Wir waren bei 800.000 Chronners angelangt; nun ging es um die Zahlungsbedingungen. Die Summe war – beim Jahresverdienst eines Orbtonen von 30.000 Ch und der Tatsache, daß für 100.000 ein kleineres Privatschiff zu erstehen war – stattlich. Bar, in Form auf Schnüren oder Normstäben aufgereihter Lochmünzen zu tausend je Paket, war der Betrag kurzfristig in keinem Fall aufzubringen. Zagaria mußte sich mit einer Zahlungsanweisung zufrieden geben und sagte schließlich:

»Einverstanden, Erhabener. Ich zähl aufs Wort des Kristallprinzen. Und natürlich auf die signierte Abspeicherung, damit die Finanzbehörden die Pakete rausrücken. Steuerfrei, versteht sich.«

Ich ächzte und gab mißmutig meine Zustimmung, indem ich die Speicherkristalldokumente mit meinem persönlichen Befehlsgeber signierte. Wir schrieben inzwischen den 31. Prago des Messon 10.513 da Ark.

Zagaria war ein Galaktischer Händler; groß, breitschultrig und muskulös saß er grinsend im hochlehnigen Sessel. Er strich sich über den Vollbart, lachte dröhnend und ließ den Kristall in einer der vielen Taschen seiner leichten Raumkombination verschwinden. Ich steckte die Zweitausfertigung ein und betrachtete den Mann nachdenklich: Mit ihren Raumschiffen sprangen die Händlersippen von Planet zu Planet, lebten fast ausschließlich im All und waren immer auf der Suche nach profitablen Geschäften. Die Springer, wie man sie inzwischen umschrieb – sie selbst nannten sich Mehandor, Händler –, hatten begonnen, gekaperte Methanwalzen umzurüsten und benutzten immer seltener Kugelraumer. Im All treibende Wracks gab es inzwischen zu Hunderten, willkommene Beute für verwegene Gestalten wie Zagaria. Daß die Methans ebenfalls daran interessiert waren – darauf basierte unser Vorhaben.

»Wir werden mehrere Zhorgahm mit einem Schwerthieb treffen, Erhabener.« Er lachte schon wieder, schien sich köstlich zu amüsieren. »Meine Sippe bietet den Methans zunächst zehn Walzenschiffe zum Rückkauf an, Tato Hucyar bekommt eine Arkonbombe unter den feisten Hintern gelegt und das Khorsal-System wird als reiche Erzfundstätte – die es ja auch ist – und optimaler Standort zum Stützpunktbau avisiert. Außerdem hat meine Sippe dort rund 200 Walzen... hm, zwischengelagert, die ebenfalls zur Veräußerung anstehen. Als Galaktischem Händler nehmen mir sogar die maahkschen Logiker ab, daß ich nur auf Profit aus bin.«

Das Geld ist gut angelegt, keine Sorge, beruhigte mich mein Extrasinn. Patriarch Zagaria gehört dem Geheimdienst an!

Verblüfft hatte ich seine Plakette aus grünlich fluoreszierendem Zalos-Metall angestarrt und die Kenndaten des integrierten Chips mit den Individualschwingungen des Mannes verglichen. Es gab keinen Zweifel. Die Marke mit den eingravierten Arkonwelten, umgeben vom außen gezackten Kreisring, sprach für sich. Zalos-Metall wurde ausschließlich auf Zalit gefunden, die Förderung unterstand dem Zarlt, seineszeichens Vize-Imperator.

Bei Admiral Sakàls Plan, die Methans in eine Falle zu locken, übernahm Zagaria die Lockvogelfunktion. Der ausgehandelte Betrag diente als Ausgleich für mögliche Schäden an der ZAG-I sowie als Bezahlung für die Besatzung; es war ein riskantes Spiel, auf das sich der Springer mit seiner Sippe einließ – Geheimdienst hin oder her! Außerdem würden wir wirklich 200 kleinere Maahkschiffe zum Khorsal-System bringen, vollgepackt mit getarnten Mega-Sprengköpfen, versteht sich.

»Es ist wichtig, daß Bhequels Gouverneur keinen Verdacht schöpft«, sagte ich heiser. »Der Geheimdienst der Maahks beschäftigt ebenfalls keine Stümper.«

Zagaria grinste kalt und redete mit dröhnendem Baß: »Erhabener, ich kenne das Risiko! Es ist mir eine Freude, dem schleimigen Hucyar eins auszuwischen; er kam zu Orbanaschols Zeit auf diesen Posten.«

Tato – die arkonidische Bezeichnung eines Planetenverwalters und Administrators. Eine Erinnerung blitzte auf: Nach der Ermordung meines Vaters lebte ich unter Fartuloons Obhut auf Gortavor, einer jungen und wilden Welt der Imperiums-Randzone. Der Palast von Tato Armanck Declanter, das Tarkihl, war einzig wirkliche Bastion arkonidischer Zivilisation auf dieser weitgehend gesetzlosen Welt voller zwielichtiger Gestalten gewesen. Abenteurer und gescheiterte Existenzen hatten Gortavor zum Warenumschlagplatz für Schmuggler und Hehler gemacht, zu einem Paradies für Diebe und Betrüger. Das richtige Umfeld zur Erziehung des Kristallprinzen, meinte der Extrasinn gehässig; ich ignorierte die unqualifizierte Bemerkung.

»Tato Hucyar, das Fähnchen im Wind drehend, bot den Methans seine Dienste an, die auf diese Weise einen vollerschlossenen Industrie- und Werftplaneten in die Pranken bekamen und ein Gegengewicht zur Festung Jangtu erhalten«, murmelte ich gepreßt. »Ich gehe davon aus, daß der Verräter nur geduldet ist und hätte nichts dagegen, wenn uns die Methans die Arbeit hinsichtlich seiner Person abnähmen. Noch scheint er aber für sie wichtig zu sein.«

Zagaria nickte. »Nicht mehr lange, Erhabener, nicht mehr lange – Ich darf Sie noch zu einem Gläschen einladen?«

»Wenn es sein muß, Patriarch.« Ich wiegte den Kopf. »Nun, gut, einverstanden.«

Der Hinterraum des Gebäudes – Zagarias Handelskontor und berüchtigte Spelunke in einem – gehörte zum abhörsicheren Bereich und entsprach mit seiner technischen Ausstattung ganz dem Geheimdienstniveau. Ich folgte dem Rothaarigen durch den Korridor in den Keller, kletterte eine Leiter hinauf, passierte einen Lagerraum, der nach exotischen Gewürzen, Häuten und Hölzern roch, und wartete, bis Zagaria das Zeichen gab: Als ein Monitor anzeigte, daß der Gang zu den Toiletten frei war, öffnete er die Tarntür und wir schoben uns zum Schankraum vor. Ein grölender Arbtane, der Uniform nach ein Mann des 17. Landetruppenkommandos, wankte uns betrunken entgegen, rülpste laut und verschwand weiter hinten in den Kabinen.

»Eine bessere Tarnung gibt es nicht!« Der Springer lachte polternd. »Überall dort, wo Soldaten zu Tausenden versammelt sind, entwickelt sich im Umkreis eine bizarre Szenerie.«

Die riesigen Raumhäfen von Jangtu IV waren von wuchernden Ringen Wohneinheiten und Vergnügungsstätten umgeben. Zwielichtige Lokale wuchsen wie Pilze aus dem Boden. Auf jeden Raumsoldaten kam mindestens ein Bettler, Vagabund, Dieb oder eine Dame des horizontalen Gewerbes. Jangtus einheimische Bevölkerung schien innerhalb eines Jahres um mindestens hundertfünfzig Millionen angewachsen zu sein. Das Flottenaufgebot zog zwangsläufig einen ganzen Troß hinterher; vom Wartungstechniker über Lagerverwalter bis zu deren Familienangehörigen war alles vertreten. In der Folge verbesserte sich die Infrastruktur – Schulen für Kinder, Krankenhäuser, Supermärkte, Fabriken für Bedarfs- und Konsumgüter, Medienniederlassungen –, die ihrerseits weitere Neuzugänge nach sich zog, vom Bauingenieur bis zum Versicherungsvertreter. Letztere hatten, insbesondere bei verzwickt abgefaßten Verträgen hinsichtlich Todesfall an der Front, Hochkonjunktur; Millionen einfacher Raumsoldeten zahlten hohe Prämien ein – und waren in jedem Fall die Betrogenen...

»Zwei H’ogoo!« brüllte Zagaria, stieß einige Arbtanen an der Theke zur Seite und lachte; er war als Inhaber des Etablissements so bekannt wie berüchtigt. »Auf Ihr Wohl, Erhabener.«

Er drückte mir das Glas mit der bernsteingelben Flüssigkeit in die Hand, und ich kippte rasch den starken, über Würzkräutern destillierten Alkohol. An Tischen saßen dichtgedrängt Soldaten aller Dienstgrade neben Gestalten, die bedeutend schwerer einzuschätzen waren. In angrenzenden Räumen gab es Spiel- und Fiktivautomaten, halbkugelige Servoroboter schleppten Getränke und Speisen herbei, auf einer Antigravbühne spielte eine Unitherkapelle scheußlich falsch. Lärm vieler Kehlen erfüllte mit durchdringendem Summen den Raum.

Ich schüttelte mich und hatte es plötzlich eilig, verabschiedete mich vom grinsenden Patriarchen und war froh, als ich endlich das Gewühl hinter mir ließ und auf die Straße hinaustrat. Personengleiter und Transporter rasten vorüber; Hunderte waren auf Rollsteigen unterwegs, flanierten hellerleuchtete Ladenstraßen entlang oder saßen in Restaurants. Das Quirlen glich einem aufgeregten Ameisenhaufen.

Vergnügungssucht angesichts des Todes! raunte mein Extrasinn. Ein kalter Schauer rann mir über den Rücken. Langsam ging ich zu Kommandant Tarts hinüber, der, vor dem Gleiter stehend, in einiger Entfernung auf mich wartete. Dröhnend stiegen vom Landefeld am Horizont zwei Leichte Kreuzer auf. »Götterraunen« nannten Einheimische das unaufhörliche Donnern unserer Flugbewegungen und Manöver.

»Laß uns verschwinden, Alter«, rief ich, als ich die Parkbucht erreichte, »ehe man uns die Prallfeldprojektoren des Danza klaut.«

»Das Gesindel wird immer dreister, aber so weit geht es noch nicht, Erhabener.«

»Seit Orbanaschol traue ich jedem alles zu. Patriarch Zagaria ist bester Beweis.«

Kommandant Tarts steinernes Gesicht war nur rund um Augen, Nase und Mund nicht vom Bildfunkhelm bedeckt; das hochgeklappte Visier zur Einblendung von optischen Informationen überschattete das Symbol des Großen Imperiums: Arkons Synchronwelten. »Ich mag dieses doppelbödige Agieren nicht sonderlich«, sagte er tonlos. »Bei meiner Dagorehre: Ich bin Soldat, kein windiger Vagabund – mag er tausendmal zum Geheimdienst gehören –, der undurchsichtigen Vorhaben nachgeht.«

Ich lächelte kühl und öffnete die Tür. »Das undurchsichtige Vorhaben ist Sakàls Plan, Kommandant Tarts! Mein alter Ziehvater Fartuloon wäre vermutlich begeistert; grinsend hätte er von Einsickerungstaktik gesprochen, seinen verbeulten Brustharnisch poliert und das Skarg aus der Scheide gezogen, um sich der Schärfe des Schwertes zu versichern!«

Tarts sah mich mißmutig von der Seite an, winkte ab und knurrte: »So wahr ich dich als Kleinkind auf meinen Knien geschaukelt habe, Atlan – der Bauchaufschneider deines Vaters entsprach genau dem Typ, von dem ich sprach. Einsickerungstaktik – Hah!«

Er startete den Gleiter und steuerte ihn aus der verschachtelten Gebäudeansammlung von Jangtugor heraus. Eine achtspurige Trasse führte zu den breiten Ringen von Lagerhallen und Reparaturwerkstätten, die die Landefelder umgaben.

»Sie erwies sich als ziemlich wirkungsvoll! Was, meinst du, haben wir alles unternommen, um Orbanaschol das Handwerk zu legen?«

Er atmete tief ein und aus, antwortete aber nicht. Einmal hatte ich mich unter dem Namen Darbeck bei den Amnestie-KAYMUURTES eingeschleust, den Arenakämpfen des Planeten Hirc. Ein Sieg bei den alle drei Jahre stattfindenden »KAYS« – die Teilnehmer waren allesamt verurteilte Verbrecher – versprach Freiheit und Ehren, da der Gewinner, als letzter und einziger Überlebender, traditionsgemäß vom Imperator empfangen wurde. Leider gelang es mir nicht zu Orbanaschol III. vorzudringen; im letzten Kampf unterlag ich Mana-Konyr – von Geheimagent Huccard bezahlt, drosch er mich mit dem besten Schlag, den er kannte, für einen halben Tag scheintot. Huccard, der in mir den Kristallprinzen erkannt hatte, wollte mich Orbanaschol ausliefern; es hätte ihm ein sorgenfreies Leben beschert. Fartuloon und meine Freunde konnten mich befreien und wir verließen ungeschadet das Dubnayor-System. Die Sonnenträgerin Karmina Arthamin – weitläufig verwandt mit Flottillenchef Kwan – fiel mir ein; ich hatte sie geliebt, damals. Es war lange her, ein halbes Leben.

Verwirrt grübelte ich, weshalb ich gerade jetzt an die KAYMUURTES dachte.

Unbewußte Assoziationskette, wisperte mein Logiksektor. Namensähnlichkeit von Huccard und Tato Hucyar in Verbindung mit Kwan da Arthamin.

Fabriken erstrecken sich zwischen Verbindungsstraßen, Mannschaftswagen rasten durch Transportröhren. In riesigen subplanetarischen Depots stapelten sich Maschinen, Ersatzteile, Ausrüstung, Waffen und Roboter. Die Militäranlagen des Raumhafens reichten bis fünfhundert Meter tief unter die Oberfläche. Mehrmals passierten wir Kontrollpunkte, wurden von Individualtastern überprüft und genauestens kontrolliert; ein Robotkommando hielt uns am dreißig Meter hohen Kraftfeldzaun der Landefeldperipherie an. Immer wieder startende und landende Raumer, von energetischen Gerüsten getragen oder abgefangen, damit die Lärmbelastung einigermaßen erträglich blieb, wirbelten mit voluminösen Leibern die Atmosphäre auf. Kreischender Orkanwind fegte über scheinbar endlos weite Fläche, die von halbkugeligen Pfortenkuppeln begrenzt war. Zwischen Verladevorrichtungen und technischen Anlagen ragten berghohe Raumschiffe empor. Eine Stimme quäkte aus dem Lautsprecher des Gleiterkoms:

»Gleiterpassage frei, klinken Sie sich ins Steuerleitsystem des Landefeldes ein, Kommandant.«

Tarts grunzte, legte einen Schalter um und musterte abfällig die steifen Metallgestalten, bis der Danza anruckte. Im Sonnenlicht bläulich schimmernder Arkonstahl wuchs zur mächtigen Rundung der TOSOMA empor. Der Schlagschatten des Kugelriesen erstreckte sich viele Kilometer weit über die Ebene. Kurz darauf versperrte mir der parabolische Querschnitt des Wulstrings für die Impulstriebwerke, an der Basis achtzig Meter hoch, den Blick auf die obere Halbkugelrundung des Schlachtschiffes von 800 Metern Durchmesser.

»Das Geschwader startet morgen nach Bunkerung weiterer Frischverpflegung; Einsatzbesprechung zwei Stunden vorher: Flottillenchefs und die Kommandanten der Stabs-Lakan«, befahl ich. »Während Sakàl in breiter Front Nebengefechte organisiert, haben wir Zeit, uns im Khorsalsystem einzurichten. Zagaria wird uns rechtzeitig informieren.«

»Verstanden, Erhabener.«

Als wir auf die untere Pol-Bodenschleuse, etwa dreißig Meter über dem gehärteten Raumhafenbelag gelegen, zurasten, bestimmten als maßgeblicher Eindruck die zwölf abgespreizten Teleskopstützten das Blickfeld. Es roch durchdringend nach Chemikalien, heißem Metall und Maschinen. Grüßend schritt ich die Doppelreihe ab, die die Thermostrahl-Beidhänder präsentierte. Ich raffte meinen Umhang enger, wurde vom Kraftfeld der Landerampe erfaßt und glitt, das instinktive Gefühl des Fallens ignorierend, wenige Millimeter über der fluoreszierenden Haut schwebend, hinauf zur Bodenschleuse. Tarts folgte im respektvollen, aber übertriebenem Abstand.

In mein Quartier zurückgekehrt, dachte ich erneut an die KAYMUURTES. Das fotografische Gedächtnis meldete sich mit schmerzhaftem Druck, Erinnerungen stiegen in mir auf und verdrängten das Sichtfeld des Wachbewußtseins: Im Jahr 10.500 da Ark konnte der Brudermörder nach 17 Arkonjahren tyrannischer Herrschaft gestürzt werden; er starb am 17. Prago des Dryhan 10.500 da Ark.

 

*

 

Erinnerungen: ...verzerrte sich Orbanaschols Gesicht vor Wut und Enttäuschung, weil er merkte, daß der Projektor gar keine Waffe war. Er drehte sich um und flüchtete mit seltsam watschelnden Bewegungen auf eine Tür zu. Dabei streckte er die Arme in die Höhe; in der rechten Hand trug er einen kleinen Schaltkasten. Die mit Ringen geschmückten Finger drückten wahllos alle Knöpfe. Als er die Tür erreichte, zuckte ein sonnenheller Blitz aus der Decke herab und durchbohrte ihn. Ich schloß geblendet die Augen. Als ich sie wieder öffnete, war von Orbanaschol nur noch Asche übrig, und die Hitze trieb uns zurück.

»Er ist in seine eigene Falle gelaufen«, schrie Lebo Axton und wandte sich ab, um zum Antigravschacht zurückzukehren. In diesem Moment schwebte eine korpulente Gestalt herab, von einem Antigravgürtel getragen, und schwang sich durch die Öffnung. Der kahle Schädel und der dunkle Vollbart waren unverkennbar!

»Fartuloon«, rief ich erleichtert. »Sie haben dich also auch freigelassen.«

Er kam lächelnd auf mich zu, streckte die Arme aus und zog mich an sich. »Wir haben noch einmal Glück gehabt«, sagte er und räusperte sich kräftig. Seine Augen wurden feucht. »Wo ist Orbanaschol?«

Ich löste mich von meinem Lehrmeister und Ziehvater und zeigte auf die Asche. »Er ist tot!«

Tarts berichtete, was geschehen war. Ich sah ihn fragend an. »Und was jetzt?«

»Ich schlage vor, Erhabener« – Seine tiefroten Augen leuchteten –, »daß Sie der Raumflotte Arkons beitreten! Sie braucht einen Mann wie Sie: Der Kristallprinz wird ihr allein durch die Tatsache, daß er in der Flotte dient, neue Impulse und neue Kräfte für ihren Kampf gegen die Methans geben.«

Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, daß Lebo Axton lächelte. Sein verwachsener Körper mit dem überdimensionierten Schädel und der Trommelbrust streckte sich. Wasserblaue Augen schienen vorzuquellen, das strohgelbe Haar war gelichtet. Und die abstehenden Ohren waren selbst für den überentwickelten Schädel zu groß.

»Das ist eine gute Idee!« stimmte Fartuloon zu.

»Ich werde darüber nachdenken«, versprach ich. »Was wirst du tun?«

Mein alter Lehrmeister senkte für einen Moment den Kopf. Als er ihn wieder hob, war sein Gesicht seltsam verändert. Ich glaubte Wehmut und einen gewissen Abschiedsschmerz zu entdecken. »Ich werde an Bord der ISCHTAR gehen, um mit unseren gemeinsamen Freunden zusammen einen langen Flug zu unternehmen.«

»Wohin?«

»Ja, wohin? Wer weiß das schon?« Fartuloon zuckte mit den Schultern. Er schien nicht bereit zu sein, meine Frage zu beantworten. Aus der Tasche zog er einen exotisch glitzernden Kristall, drehte ihn nachdenklich zwischen den Fingern und hob ihn dann an meine Stirn. Wieder wurden seine Augen feucht, seine Stimme dröhnte unwirklich: »Dies ist ein kleiner OMIRGOS. Er wird dich veranlassen, Dinge zu vergessen oder in einem anderen Licht zu sehen. Auf jeden Fall wird dir das helfen. Wahrscheinlich werden wir uns in ferner Zukunft wiedersehen, doch dann werde ich einen anderen Namen haben.«

Die Kristalle der 1024 Felder! Wie damals auf Gortavor, nach der Flucht aus dem Tarkihl! Ich war bestürzt, starrte ihn an. »Was soll das bedeuten, Fartuloon? Wieso werden wir uns erst in ferner Zukunft sehen? Wieso wirst du dann einen anderen Namen haben? Willst du mir nicht sagen, wer du wirklich bist?«

Er seufzte. »Das will ich.« Rätselhaft fügte er hinzu: »Ich bin der letzte Calurier.« – dann wandte er sich hastig ab und eilte zum Antigravschacht.

»Warte, Fartuloon«, rief ich. »Das ist doch keine Antwort. Bitte, sage mir doch...«

Er reagierte nicht, schaltete den Antigravgürtel ein und verschwand. Ich drehte mich betroffen um und starrte Tarts hilfesuchend an. Ich sah gerade noch, wie Lebo Axton seine Hände hob und mir mit verzweifelten Gesten etwas mitzuteilen versuchte. Die Lippen des Verwachsenen bewegten sich heftig, während er durchsichtig wurde und plötzlich verschwand. Zurück blieb sein skurriler Robotbegleiter...

 

*

 

Und weitere Erinnerungen: Nachfolger als Imperator wurd jedoch nicht ich, sondern mein ehrenwerter Oheim Upoc da Gonozal, zweiter Halbbruder Gonozals VII., der in Memoriam ebenfalls den Herrschernamen Gonozal VII. annahm. Ich trat – begleitet von Sonnenträger Tarts, meinem neuen Ratgeber, Ausbilder und Freund nach Fartuloons rätselhaftem Verschwinden – zunächst in die Raumflotte ein; es folgten Einsätze gegen Maahks, aber auch zum Beispiel die Bekämpfung des Nopoleter-Aufstandes im Jahr 10.502 da Ark.

Mißwirtschaft und Korruption der Orbanaschol-Ära konnte auch mein Oheim nicht so schnell beseitigten, wie er eigentlich wollte; viele Kolonialwelten waren wegen eklatanter Unfähigkeit Opfer der Methans geworden, Nachschub und Versorgung gerieten ins Stocken. Die Nopoleter setzten sich an die Spitze der Rebellion und versuchten, die für Arkon III bestimmten Nachschubgüter abzufangen. Wir entsandten Begleitschutz-Konvois, um Arkons Lebensnerv zu schützen. Weil ihre Blockade nicht erfolgreich war, versuchten es die Nopoleter mit einem Verzweiflungsangriff, der bis ins Arkonsystem hineinführte: Damit die Nachschubflotte nicht gefährdet wurde, kamen die Stationen des äußeren Festungsringes nicht zum Einsatz. In erbitterten Einzelgefechten gelang es uns, die Angreifer nach Gattarom abzudrängen und dort schließlich zur Landung zu zwingen. Um ein Exempel zu statuieren, entschlossen sich Flottenzentralkommando und Imperator Gonozal VII. zum Abwurf einer Arkonbombe: Der 17. Mond des 11. Arkonplaneten verging im Kernbrand; seither verfügte Bhedan nur noch über 24 Monde.

Am 1. Prago des Eyilon 10.503 da Ark ging ich dann an die elitäre Galaktonautische Akademie von Iprasa. Vor allem, weil »man« es für zwingend notwendig erachtete, die »überaus mangelhafte Ausbildung und Einweisung des Kristallprinzen in höfischen Fragen, Gepflogenheiten und Riten« zu verbessern – zusätzlich zu den umfangreichen Hypnoschulungen und praktischen Lehrgängen der Iprasa-Akademie. Wie gestern stand mir der absolut unverkennbare Geruch dieser besonderen Kaderschmiede in der Nase, sah ich die subplanetarischen Gewölbe der Kadettenunterbringung, bar aller Bequemlichkeit, ausgerichtet auf Abhärtung und Höchstleistung. Schinderei und Schliff, bis Muskeln und Geist wimmerten, ein körperliches und seelisches Martyrium. Verbunden mit der Galaktonautischen Akademie waren, entsprechend ihrer hervorgehobenen Stellung, Klasse und Stil, und der extrem hohe Stellenwert des Begriffes Ehre. Ehre von Imperator und Imperium, Flottenehre gemäß ausgeprägtem Kodex, Ehre der jeweiligen Einheit, Gruppe, des Einzelnen - und alles sorgfältig gegeneinander abzuwägen.

Unvermittelt wurde der Akademie-Ausbilder vom fotografischen Gedächtnis reproduziert; ein hartgesottener Arbtan, einäugig, die rechte Gesichtshälfte von häßlicher Narbe entstellt, der linke Unterschenkel samt Fuß durch eine Prothese ersetzt, Veteran der Bekwyn-Schlacht, bei der unter meines Vaters Führung die Maahks trotz Übermacht geschlagen und beinahe völlig aufgerieben wurden.

Er hatte uns angetrieben, schikaniert, das Letzte herausgepreßt, und er war für seine »markigen Sprüche« berüchtigt sowie die unverhofften Übungen gefürchtet gewesen. Dreißig Tontas – zwei Dienstplanworte, die mich immer noch schaudern ließen: Obwohl durch Fartuloons keineswegs leichte Schule gegangen, hatte mir Ghotor dennoch einiges beibringen können. Er nannte es: »Anleitung unter Realbedingungen!« – und irgendwann wurde daraus Ernst, plötzlich, völlig unerwartet, massiv.

Erinnerungen im rasenden Kaleidoskop: Der Angriff der Maahks auf das Raumfort, Ghotors besonnenes Handeln, gellende Schreie, Tote, Verwundete, das halb zerschossene Kugelbeiboot, Ghotors waagemutiger Jägerangriff, um uns den Rückzug zu decken. Der im All unsichtbare Desintegratorstrahl hinterließ nur eine glitzernde Partikelwolke...

Und noch eine aufblitzende Szene: Der Moment, als ich am Ehrenmal der Iprasa-Akademie stand; eingeprägt in Cholitt der Name GHOTOR an der schwarzen Basaltwand. Die Gesichter aller strammstehenden Kadetten waren versteinert. Wir hatten geflucht, den Arbtan ans Ende des Universums gewünscht und sämtliche Haßgefühle auf ihn fokussiert. Dennoch: Er war der Beste! dachte ich damals und salutierte. Ohne ihn hätten wir nicht überlebt!

Ende 10.511 da Ark absolvierte ich die Akademie-Abschlüsse. Unter anderem war ich nun Wissenschaftler Erster Klasse mit den Fachgebieten Kosmo-Kolonisation und Xenopsychologie sowie Hochenergie-Ingenieurwesen. Ich wurde zum Has’athor – gleichbedeutend mit einem einfachen Sonnenträger – befördert und übernahm am 1. Prago der Hara 10.512 da Ark als Kommandeur das 132. Einsatzgeschwader »Kristallprinz«.

Mein erster Einsatz als Admiral der Imperiumsflotte zwei Pragos später führte mich ins Heimatsystem eines Echsenvolkes, das der Dron, von wo aus ein Arkonide versuchte, ein eigenes Mini-Imperium zu errichten; diese Revolte gegen Arkon wurde blutig niedergeschlagen.

Kurz nach einem Aufenthalt in einem unbedeutenden Sonnensystem einer kleinen gelben Sonne, fast am Milchstraßenrand gelegen und nach dem Entdecker-Astronom des Kerlon-Geschwaders Larsaf-System genannt, der zur Absetzung von Administrator Amonar da Cicol führte, trat die Auseinandersetzung gegen die sogenannten Methans in eine »heiße Kriegsphase«, die seither unsere gesamte Aufmerksamkeit beanspruchte...

 

*

 

11. Prago des Tedar 10.513 da Ark: Ich beendete meine Mahlzeit, spülte den letzten Bissen mit Flotten-K’amana herunter und verließ die Messe. Seit Ende der Messon-Periode befanden wir uns im Khorsal-System und verbargen uns zwischen den Planetoiden. Die TOSOMA war in einer Kraterschlucht gelandet; für das gesamte Geschwader bestand bedingte Gefechtsbereitschaft. Alle Maschinen liefen in Drosselphase.

»Wichtig ist, daß uns die Methans nicht zu früh ausmachen«, sagte ich leise. Der interplanetarische Raum war mit Raumminen, als Gesteinstrümmer getarnte Marschflugkörpern und Torpedos gespickt. Robotische Werferbatterien auf den Asteroiden konnten weitreichende Spiralfelder von Gravitationsbomben abstrahlen oder auch direkt zur Zündung bringen. Die hochexplosiv bestückten Methanraumer trieben nahe des Planetoidenringes und warteten nur auf den Zündimpuls. Unsere Transitionen hierher mußten, selbst wenn sie geortet wurden, mit den natürlichen Effekten der Doppelsonne verwechselt worden sein. Die Falle war aufgestellt.

»Und hoffentlich haben wir alles bedacht!«

Neben der Eingangstür zum Admiralsquartier standen in Nischen zwei Kampfroboter, die bei meiner Annäherung die Strahlwaffen präsentierten. Die große Kabinenflucht mit abgetrennten Seitenabteilen war mein Wohn- und Arbeitsbereich und glich einer Miniaturzentrale. Sitzgelegenheiten in ausreichender Zahl dienten den Stabsoffizieren bei Konferenzen. Der neben der Tür angebrachte Bildschirm zeigte eine Darstellung des Kristallpalastes bei Nacht; hell erleuchtet schimmerte die kristalline Außenschicht des riesigen Trichterbaus in allen Spektralfarben.

Ich trat an meinen Arbeitstisch. Wenige Tasten reichten für die Musikauswahl. Sphärenklänge durchzogen den Raum. Eines von Onkel Upocs Meisterwerken; Irrflug im Galaktischen Zentrum. Ich setzte mich, schaltete ein Terminal ein und rief eine Analyse ab. Flirrend stabilisierten sich die Zeilen.

»...hat das Große Imperium gewaltige Ausdehnung erreicht, Zehntausende Planeten sind besiedelt, ebenso viele Milliarden Lebewesen – Arkoniden, ihre umweltangepaßten Kolonisten und Fremdvölker – leben im spitzkegelförmigen Ausbreitungsbereich, der von Thantur-Lok zur Milchstraßenebene ragt und hier einen Durchmesser von annähernd 20.000 Lichtjahren besitzt. 9-mal-10-hoch-12 Kubiklichtjahre. 7,5 Milliarden Sterne aller Klassifikationen. Flottenstützpunkte, viele zehntausend Raumschiffe modernster Bewaffnung, die gesamte Imperiums-Technologie, ein Milliardenheer hart geschulter und bestens ausgebildeter Elitesoldaten von eiserner Disziplin, ungezählte Kampfroboter, riesige Positronengehirne, eine perfekte Geheimdienstorganisation...«

»Und doch bedrängen uns die Methanvölker mit verbissener Zähigkeit«, sagte ich dumpf. Zentralgewalt des imperialistischen Absolutismus, subtile Intrigen um Gunst und Anerkennung zwischen rivalisierenden Adelsgeschlechtern und Familien, der Einfluß der illegalen SENTENZA, merkwürdige Erscheinungsformen arkonidischer Gesellschaft, Auswüchse der Bürokratie – all das wurde bedeutungslos angesichts der Methanhorden. Dieb wie Khasurn: Wir alle kämpften erbittert. »Von Ausnahmen wie Tato Hucyar abgesehen! Die Methans sind unglaubliche Kämpfer, ihre Planungen meist perfekt.«

Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber immer wieder schlich sich eine stille Bewunderung in meine Gedanken; gemeinsam hätten unsere Völker die ganze Galaxis erobern können. Frösteln überfiel mich. Seit knapp drei Tontas tobten an vielen Frontabschnitten die Kämpfe. Admiral Sakàls Flottenverbände griffen die Methans an, wo immer sie ausgemacht wurden; ein Brennpunkt war fünfhundertfünfzehn Lichtjahre vom Khorsal-System entfernt, aber seitlich versetzt – es mußte für die Maahks aussehen, als versuche Sakàls Nebelsektorflotte in Zangenbewegung Bhequel einzukesseln. Wenn sie, von Zagaria entsprechend »instruiert«, die Flucht nach vorn ergriffen und das Khorsal-System als Ausweichbasis nutzten, schnappte die Falle zu: Zagaria würde auf Bhequel die Arkonbombe zünden, um sie ihres vorgeschobenen Stützpunktes zu berauben.

So ist e's jedenfalls geplant, knurrte der Extrasinn mißmutig.

 

*

 

Knapp eine Tonta später gellte der Alarm. Ich rannte los, ließ mich vom Rollsteig forttragen und betrat den Zentralevorraum. Schwere Panzerschotts und unzählige Pforten schlossen sich.

Als ich das Hauptkontrollpodest erreichte, grüßte der Erste Offizier Terrond vorschriftsmäßig und meldete: »Vereinbartes Signal ist eingegangen, Erhabener. Die Maahks sind unterwegs, erste Transitionen wurden angemessen. Zagarias Bombe zündet in vierzig Minuten.«

Gruns Brustbild erschien auf einer von fünfzehn Bildflächen meines Schaltpults; der alte Mathematiker, Physiker und Chef der positronischen Abteilung, lächelte verzerrt. »Positronik-Simultanauswertung klar, Erhabener. Sämtliche taktischen und strategischen Programmvarianten geladen.«

Ich nahm meinen Platz auf der Hauptbühne ein und zog das an einem dünnen Draht befestigte, im Ruhezustand in den Prallwulst des Helms eingeschobene Mikrofon vor den Mund.

»Vorrang-Frequenz für Geschwader-Koordination steht.« Masal, verantwortlich für Funk und Ortung, war auf dem zweiten Monitor zu sehen. »Stabs-Lakan bereit, Meldungen gehen ein.«

Kommandant Inkar, heißblütig und hitzköpfig, vom Schlachtkreuzer PAITO gab als erster Einsatzbereitschaft durch. Nacheinander folgten die anderen Kommandanten: Taneth von der ASSOR. Cerbus von der IGITA. Henos von der TANTOR.

»Flottillenkommandeure?«

»Erste-Achtzehntes: Joran Knoos. Bereit.«

»Zweite-Achtzehntes: Crewol Berlinor. Bereit...«

Rasch rasselten die neun Sonnenträger ihre Meldungen herunter, Kwan von Arthamin mit einem verwegenen Lächeln als letzter – zusammen mit drei weiteren Flottillen flog seine 9. aus dem Ortungsschatten der Doppelsonne hervor und würde nach kurzer Maximalbeschleunigung in den freien Fall übergehen; trotzdem jederzeit bereit zur Transition, um die Methans abzufangen, sollten sie flüchten. Kommandant Tarts, fünf Meter entfernt mit dem Grundcheck der TOSOMA beschäftigt, erhielt die Bestätigungen von Thanlo, dem Chefingenieur und Leiter der Technischen Abteilung, und Eseka, dem Waffenoffizier.

»Dritte Transition der Methans. Mehr als zweitausend Einheiten. Rematerialisation laut Strukturtasterauswertung in 76 Lichtjahren Distanz. Ihre Ferntaster arbeiten mit höchster Leistung. Peilungseingang 67 von 100.«

»Sie tasten sich vorsichtig heran, Erhabener«, sagte Grun. »Noch ein Orientierungssprung und sie sind da.«

»Geschwaderchef an alle!« rief ich. »Schnellstart und Einnahme der Kampfposition auf meinen Befehl! Ziel ist, die Methans möglichst nahe dem Planetoidengürtel zu binden. Nur dann können die Gravitationsbombengürtel ausreichend Wirkung entfalten. Laßt sie die Fallenwalzen untersuchen.«

»Verstanden.«

Auf der oberen Polkuppel öffneten sich bereits ausgefahrene Panzertürme der Waffenbatterien. Die Bildschirmeinheiten der Rundumgalerie glühten.

 

*

 

Siebzehn Hundertstel einer Tonta später: 2300 Walzenraumer brachen mit gewaltigem Strukturbeben dreihundert Millionen Kilometer entfernt aus dem Hyperraum hervor und rasten mit neunzig Prozent Lichtgeschwindigkeit auf uns zu, bremsten aber mit hohen Werten. Ich las die von Grun und Masal zugespielten Parameter und knurrte:

»Ruhe bewahren. Noch besteht ein Dilatationsfaktor von mehr als zwei. Das läßt uns Reaktionszeit.«

»Hauptsächlich 1000-Meter-Walzen mit schwachen Schutzschirmen. Bloß ein 2500-Meter-Walroß, Erhabener. Kennung eindeutig: Es ist Großadmiral Grek 1108 persönlich!«

Auf den Reliefbildern der Passiv-Ortung blinkten Lichter. Die Methans waren in zehn Verbänden zu 230 Schiffen materialisiert, von denen jeder Spitzkegelformation einnahm, um die Breitseitenwirkung der Geschütze auszunutzen. Ein Verband absolvierte eine Kurztransition, vollzog die Bewegungsanpassung und schleuste Truppen aus, um die Wracks zu untersuchen. Die restlichen Verbände flogen weiter, hielten aber Abstand. Das Mißtrauen des Großadmirals war extrem, Hyperfunkbotschaften mit den Untersuchungskommandos wurden gewechselt.

Unsere Spannung stieg; noch zwei Minuten bis zur Zündung der Arkonbombe auf Bhequel III, die nach spontaner Explosion alle Elemente mit größerer als Ordnungszahl 10 in unlöschbaren Atombrand reißen würde. Innerhalb kurzer Zeit würde Bhequel zur Glutwolke werden. Jeder in der Zentrale schien auf den Zeitgeber zu starren, die Sekunden vergingen quälend langsam, schließlich gellte Masals Ruf:

»Hyperfunk-Raffernachricht von Zagaria. Bombe gezündet! Aufregung bei den Methans. Alarmstart aller Einheiten... Achtung: anfliegende Maahks beschleunigen wieder! Sprunggeschwindigkeit erreicht in... drei Hundertsel Tonta!«

»Zündungimpuls für Wracks! Kwan! Sechste bis Neunte: los!« befahl ich und gab Tarts das Startzeichen. Fusionsreaktoren fuhren mit Alarmwerten hoch. Hunderte Meldungen liefen beim positronischen Zentralautomaten ein.

»Treffer! Die meisten Untersuchungseinheiten der Methans taumeln. Atomsonne erreicht 1,2 Millionen Kilometer Durchmesser, weiter steigend. Methanraumer explodieren.«

Die Abdeckungen der Impulsdüsen fuhren ein, abschirmende Lenk-, Beschleunigungs- und Einengungsfelder entstanden. Als die Stützmasseneinspritzung begann, eilten Vibrationen durch die TOSOMA, Resonanzeffekte machten aus ihr eine Glocke. In den Konvertern setzte die hyperstrukturelle Totalumformung ein; Stützmasse verwandelte sich in räumlich übergeordnete Impulse, während Restbestandteile hochenergetischen Plasmas, durch Ablenkfelder von der Rumpfwandung ferngehalten, in den achtzehn Felddüsen flammten. Unglaublich schnell versank der Planetoid. Der nächste Beschleunigungsimpuls machte die TOSOMA zum davonzuckenden Gebilde, das Schlachtschiff ruckte, und wir erreichten den Beschleunigungswert von 500 Kilometern pro Sekundenquadrat.

»Neunte an Chef: Feindkontakt. Wir drängen sie ab.« Kwan von Arthamins Stimme glich zunächst dumpfen Gurgeln, wurde aber, je höher unsere Geschwindigkeit kletterte, immer normaler. Zeitdilatation! »Es lebe der Imperator!«

Die zehn Lakans jeder Flottille bildeten Sichelstaffeln, die auf die trägeren Methanwalzen herabschossen und sofort auswichen. Da die 1000-Meter-Grauwale nur 370 km/s2 erreichten, waren unsere Raumer im Vorteil, konnten vorstoßen, sich zurückziehen und meist so schnell rochieren, daß die gegnerischen Salven die Schutzfelder nicht gefährdeten.

»Kurztransition für erste bis dritte Flottille: Fallt den Maahks in den Rücken!« sagte ich rauh. »Ausschleusung der Jäger!«

Strukturtaster knatterten, und die Walzen wurden auch von hinten bedrängt. Jäger, Leichte und Schwere Kreuzer schossen sich auf die Hecktriebwerke der Methans ein. In rascher Folge entstanden auf den Reliefbildern verlöschende Sternchen, drei Verbände wurden abrupt um die Hälfte dezimiert. Die Spitzkegelformationen spritzten auseinander und bildeten deutlich kleinere Pulks zu je zwanzig Einheiten. Grun meldete sich mit heiserer Stimme: »Kampfdistanz für ersten Gravitationsbombengürtel erreicht!«

»Zündung!«

Merkwürdig blasse Spiralen wirbelten davon, trafen Walzen und zerfetzten mit blendenden Leuchterscheinungen die Raumzeitstruktur. Klaffende Risse entstanden und schlossen sich wieder. Etwa vierhundert Grauwale, gleichzeitig von Schlachtschiffen der Flottillen attackiert und dichten Jägerpulks umschwärmt, wurden innerhalb weniger Sekunden vernichtet. Glutbälle breiteten sich aus und verblaßten, von Funken umsprühte Fragmente und Metallreste taumelten durchs All. Für einen Augenblick glaubte ich, den lautlosen Todesschrei Tausender zu vernehmen, riß mich mühsam zusammen und fühlte kalt-klebrigen Schweiß zwischen den Schulterblättern.

»Erhabener!« Masal rief mit warnendem Unterton; das Gesicht auf der Bildfläche zeigte Erstaunen. »Die Doppelsonne reagiert auf die Gravitationsbomben. Gewaltige Protuberanzen! Im Brennpunkt entstehen Aufrisse, die weit ins All hinausgreifen. Störungen bei 5D-Geräten sind nicht auszuschließen!«

»Grun?«

»Unsere Schirmfelder halten. Keine Gefahr, sofern wir nicht näher als fünfzig Millionen herangehen. Effekte können sich bei weiterem GB-Einsatz aber verstärken.«

»Das müssen wir notfalls durchstehen«, antwortete ich hart.

Elf Hundertstel Tonta später bekam die TOSOMA ersten Feindkontakt. In den hypermechanischen Abwehrschirmen schlugen Schüsse der Methans ein.

»Feldbelastung 42 Prozent!« erklang eine Meldung.

Keine Gefahr, beruhigte der Extrasinn. Inzwischen zu geringe Eigenfahrt – Nottransition nicht möglich. Selbsterhaltungstrieb wird unterdrückt; Folge ihrer fremdartigen Mentalität. Ihr Ziel ist, möglichst viele Feinde mit in den Untergang zu ziehen.

Es war in jedem Fall mörderisch. Die Flottillen meines Geschwaders schwärmten aus. Mühsam, aber letztlich doch erfolgreich, gelang es uns, die Methans auf den Planetoidenring zuzutreiben. Die dortigen überschweren Batterien griffen mit robotischer Präzision in den Kampf ein, kurz darauf zerriß eine weitere Gravitationsbombensalve das Schwarz des Weltraums mit einem riesigen Riß. Etwa die Hälfte der Angreifer war zerstört oder leckgeschossen, wir hatten bisher 197 Raumschiffe verloren. Zeit für Trauer, Wut oder Angst blieb nicht: Alles in mir war taub; Konzentration auf Daten und Zahlen, Reliefbilder und Positronikauswertungen wurde zum alles bestimmenden Faktor.

»Ausbrüche der Doppelsonne werden immer stärker, der Aufriß stabilisiert sich!« rief Masal stoßweise. »Masse wird aus den Sonnen abgesaugt und verschwindet. Transitionseffekte!«

Der Weltraum lohte überall. Eine Walze explodierte, und die freigesetzten Energien einer Kleinsonne leckten radial nach allen Seiten. Die hyperschnellen Orter erfaßten den Abschuß augenblicklich, normaloptisch dauerte es etliche Tausendstel Tonta, bis die Lichtwellen die Distanz überbrückt hatten. Die Methans flogen bizarre Ausweichmanöver und nahmen weitere Fahrtverluste in Kauf. Mit allem was sie hatten schossen die Methans Sperrfeuer, und die Kreuzer meines Verbandes mußten zurückweichen, um Wirkungstreffern zu entgehen. Knapp innerhalb der Planetoidenschale kämpfte die 9. Flottille gegen nur 410, meist kleinere Walzen. Lautes Krachen kam von den Strukturtastern, ein merkwürdiges Leuchen raste zwischen den beiden Sonnen hervor und streifte Kwan von Arthamins Kugelraumer.

Es folgte eine Hundertstel Tonta des Entsetzens: Wie ein feuerspeiendes Ungeheuer raste das Walroß des Großadmirals heran und gab den Maahks Feuerschutz, die dreifach aggressiv angriffen. Zehn, zwanzig, dann dreißig Glutbälle blitzten auf, markierten Standorte vernichteter Kugelraumer. Im weiten Kreis drehte der Großadmiral bei und setzte zum nächsten Angriffsflug an.

Die 9. war zu zwei Dritteln aufgerieben, als ich den Kommandanten über Sammelschaltung weiträumige Sektorenabriegelung befahl und Tarts mit einer knappen Handbewegung das vereinbarte Angriffszeichen gab, auf das er ungeduldig wartete. »Fünfte aus der Reservestellung – Unterstützung der Stabs-Lakan! Angriff auf’s Walroß

Im Ringwulst brüllten die leistungsstarken Impulstriebwerke.

»Auswertung, Erhabener!« meldete Grun. »Die Khorsal-Sonnen stürzen aufeinander zu. Es besteht hohe Wahrscheinlichkeit für eine Nova-Detonation. Hyperphysikalische Kräfte schlagen ins Standardkontinuum durch und...«

Die Ortungszentrale unterbrach: »Methans versuchen sich abzusetzen. Neunte scheint vollständig wrackgeschossen – oder die Sonnenphänomene bedingen Technikausfall; sie werden in die Sonnen stürzen.«

»Notfall-Leistung auf Schutzschirme!« rief ich erregt. Sofort verwandelte sich die TOSOMA in eine dröhnende Glocke. Reaktoren fuhren auf Spitzenwerte hoch. Die Leistungsabgabe der Kraftwerke und Kugelspeicher diente hauptsächlich zur Stärkung unserer Abwehrschirme, deren periphere Ausläufer, mehrfach gestaffelt, viele Kilometer in den Raum hinaus reichten.

»Kampfdistanz zu Walroß erreicht!«

Automatische Zielerfassung setzte ein. Bei Geschwindigkeiten nahe der »Lichtmauer« versagten normale Gunner und mußten die Kontrolle den Positroniken überlassen. Der direkte Schlagaustausch mit Grek 1108 dauerte gerade eine Hundertstel Tonta - dann waren wir wie er gezwungen, sofort die Flucht zu ergreifen. Ein Aufriß, wie ich ihn noch nie erlebt hatte, zuckte zwischen den Khorsal-Sonnen hervor und drohte als gewaltig klaffender Schlund alles aufzusaugen. Schiffe der 9. Flottille, sofern noch funktionstüchtig, verschwanden im bizarren Loch. Im nächsten Moment flammte die Doppelsonne zur Nova auf und eine rasende Absetzbewegung begann.

Die Kampfbilanz krampfte mir den Magen zusammen: Wir hatten 343 Raumschiffe verloren, unter ihnen die gesamte 9. Flottille, und weitere 240 waren schwer beschädigt. Daß die Maahks mit 1089 Walzen davonkamen, war hierbei kein Trost. Sie waren, trotz allem, erstklassige Kämpfer; ich mußte ihre Leistungen bedingungslos anerkennen.

»Masal!« rief ich mit belegter Stimme. »Funkverbindung zum Großadmiral.«

»Steht, Erhabener.«

Auf dem Monitor erschien der sichelförmige Kopfwulst, der auf breiten Schultern aufsaß. Blaßgraue Schuppen wiesen den Methan - wir wir diese hartnäckigen Angreifer vereinfachend nannten - als Maahk aus. Vier Faustgroße Augen mit Schlitzpupillen starrten mich merkwürdig kalt an. Das Wesen trug vielfältige Rangabzeichen, unter anderem das des geteilten Dotters. Symbol von Stärke und Fruchtbarkeit. Bis zu neun Eier produzierten diese Geschöpfe, die Wasserstoff mit Methanverunreinigungen ein- und Ammoniak ausatmeten, bei einer Reifezeit von nur dreieinhalb Monaten.

»Has’athor Atlan von Gonozal, Kristallprinz des Großen Imperiums, an den Großadmiral der Maahks, Grek 1108«, sagte ich im einwandfreien Kraahmak. »Ich gratuliere Ihnen! Sie haben meine neunte Flottille völlig aufgerieben.«

»Großadmiral Grek 1108 an Kristallprinz Atlan von Gonozal: Meine Geschwader wurden halbiert. Ich erkenne Ihren taktischen Sieg an; die Nachrichten aus dem Bhequel-System bestätigen einwandfrei den Erfolg Ihrer Strategie. Wir müssen uns zurückziehen.«

Mehr war nicht zu sagen. Der Maahk schaltete abrupt ab. Weder er noch ich gingen auf die Nova der Khorsal-Doppelsonne ein; sie war ein Randeffekt und für den Fortgang der 23. Auffangschlacht nicht von Belang. Patriarch Zagaria wurde, wie ich später erfuhr, kurz vor der Transition abgefangen und vernichtet...

 

*

 

Bis zum 8. Prago des Ansoor 10.513 da Ark dauerten die Kämpfe, dann konnten wir sicher sein, die Methans auch diesmal vom direkten Vorstoß nach Arkon abgehalten zu haben. Daß wir uns mit der Zeit fast zu Tode siegten, wurde erst nach und nach klar: Die unglaubliche Nachschubleistung der Methans bedrängte uns immer stärker. Unsere Schiffe mußten mit größerer Automatisierung auskommen, es war immer schwerer, Mannschaften zusammenzustellen. Die Sollstärken von Geschwadern wurden häufig kaum noch zu dreißig Prozent oder gar weniger erreicht.

Großadmiral Grek 1108 begegnete mir zehn Arkon-Perioden nach der Schlacht im Khorsal-System auf dem Planeten Dolphart ein zweites und letztes Mal persönlich.

Es geschah im Nebelsektor der Holpolis-Ballung am 15. Prago des Tedar 10.514 da Ark: Unser Landungsmanöver war im vollen Gang gewesen, als riesige schwarze, vierarmige Kreaturen eingriffen. Sie durcheilten Thermogeschützsalven flink wie Gazellen und schüttelten sich nicht einmal. Meine Elitetruppe ging in Deckung, aber ein Geschöpf durchschlug die Gesteinsbarriere wie ein Hochgeschwindigkeitsgeschoß. Bis auf acht Männer wurde mein Einsatzkommando aufgerieben. Den Maahks erging es allerdings nicht besser. Anschließend wurden wir von den Halutern gezwungen, eine Vereinbarung zur Schonung der unschuldigen Zivilbevölkerung zu treffen; der Planet Dolphart wurde nicht vernichtet.

Grek 1108 und ich trennten uns in gegenseitiger Hochachtung; jeder wußte die Fähigkeiten des anderen zu würdigen. Spontan schenkte ich dem Maahk einen Armreif aus Luurs-Metall. Sogar der eiskalte Logiker verstand, daß nur der, der die Leistungen anderer anerkannte, selbst zu solchen imstande war.

Ende der Prikur 10.514 da Ark wurde ich mitten aus der 35. Auffangschlacht abkommandiert. Ziel war das System jener gelben Sonne, in dem ich zwei Jahre zuvor Administrator Amonar da Cicol wegen maßloser Übergriffe und unnötiger Härten abgesetzt hatte. Der Eindruck, es mit einem absolut unbedeutenden System zu tun zu haben, sollte sich als der größte Irrtum meines Lebens herausstellen...

 

*

 

Im Juni 2405 A.D. traf Atlan in der Halle der Unbesiegbaren auf einen fernen Nachkommen Großadmirals Grek 1108: Grek 1 der Neunväter, Regierungschef der vereinten Maahkvölker, war sehr beeindruckt und zeigte Atlan den Luurs-Armreif. Das Gespräch brach das Eis und schuf eine erste Vertrauensbasis schuf; so konnte die Delegation drei Duplos entlarven und Lordadmiral Atlan den Vertrag mit den Maahks abschließen. Er war Grundlage für den Sieg über die Meister der Insel.

Und rund fünfzehn Jahre später gelang es Atlan, 1468 Arkoniden der 9. Flottille, die bei der Schlacht im Khorsal-System nicht, wie angenommen, vernichtet wurden, sondern vom Aufriß des Sonnentransmitters ins Temur-Sonnenfünfeck abgestrahlt wurden, aus der suspendierten Animation zu befreien, in welche sie vom Rechner der Temur-Justierungsstation eingelagert worden waren. Atlans alte Kampfgefährten, angeführt von Kwan da Arthamin, hatten Probleme, sich an die neue Zeit, in die sie unvermittelt versetzt wurden, anzupassen.

Aber das ist eine andere Geschichte...

 

 

ENDE