Splitter 2


ABSCHIED
von Rainer Castor

Exklusivstory für SOL 3 (Magazin der PRFZ - Perry Rhodan FanZentrale),
Juli 1996





 

Aus: ENZYKLOPÄDIA TERRANIA - Persönlichkeiten des Solaren Imperiums

... Wer die Geschichte der modernen Menschheit betrachtet, stößt unweigerlich auf Namen wie Van Moders, Tyll Leyden, Armond Bysisphere, Goshmo-Khan, Geoffry Abel Waringer oder Arno Kalup, die mit technologischen Meisterleistungen, neuen Weltbildern und wissenschaftlicher Brillanz die Namenskette von Newton, Curie, Einstein, Bohr, Heisenberg und Hawking fortsetzten. Insbesondere von Kalup kann solches behauptet werden; und wie bei vielen bedeutenden Persönlichkeiten blieben auch bei ihm Fragen, wenn man sich mit ihm, seinem Werk und vor allem seinem Leben beschäftigte.

 Arno Hieronymus Kalup, Professor Doktor der Hyperphysik, geboren am 17.04.2050, erhielt nach lebensverlängernden Zellduschen im Jahr 2326 einen Zellaktivator und gehörte somit zu der Gruppe der relativ Unsterblichen. Als sein bedeutendstes Werk gilt auch heute noch der nach ihm benannte Kompensationskonverter, der die Transitionstriebwerke ablöste und eine neue Ära der Raumfahrt einleitete.

 Viele Quellen nennen das Jahr 2440, andere dagegen das Jahr 2940 als das Todesdatum dieses außergewöhnlichen Wissenschaftlers, als Ursache aber übereinstimmend ein fehlgeschlagenes Paratron-Experiment. Wie kam es zu diesen voneinander abweichenden Daten? Was geschah tatsächlich? ...

 

 * 

Der Zentralfriedhof von Terrania City, als prächtiger Park mit uralten Bäumen gestaltet, schien sich unter der lastenden Stille zu ducken. Rauhreif glitzerte auf kahlem Geäst, während die morgendliche Sonne grell in fahlgrauen Himmel stieg. Eine einsame Gestalt näherte sich über knirschendem Kies dem mannshohen Obelisken, der zu zwei Dritteln von eisverkrustetem Gebüsch umrahmt war. Der Mann war hager, dicht-schwarzes Haar hing über die Stirn herab; in Gedanken versunken blieb er stehen, stopfte die Pfeife und begann zu paffen.

 Schwaden wehten aus Mund und Nase, wurden von einer Bö erfaßt und davongewirbelt. Schatten umgaben die großen, braunen Augen; übernächtigt blinzelte der Mann, für Sekunden schien die schlichte Inschrift des Obelisken - wenige Buchstaben in Goldprägung - zu verschwimmen. SUZAN BETTY RHODAN-WARINGER - sonst war nichts zu lesen.

 "Vermutlich weißt du es schon, Liebste." Der Mann nahm die Pfeife aus dem Mund und seufzte. "Aber unser ›Mann im Mond‹ ist diese Nacht endgültig gegangen."

 Schaudern erfaßte ihn, für Augenblicke drang ein starker Wärmestrom vom Zellaktivator durch den Körper, versuchte Erschöpfung und Niedergeschlagenheit zu bekämpfen. Der Mann schlug den Jackenkragen höher, setzte sich auf die Bank am Wegrand und starrte weiterhin den Obelisken an. Was sind neun Jahre im Vergleich zu den vorherigen fünfhundert? fuhr es ihm durch den Kopf. Fünfhundert Jahre der Zweisamkeit, des Vertrauens und der Liebe! Mein Gott, du fehlst mir so.

 Für Augenblicke glaubte er ihr Lachen zu hören, sah ihr Gesicht, roch ihren Duft. Eine Erinnerung durchzuckte ihn:

 "... Du bist der Wissenschaftler." Ironie blitzte in ihren grauen Augen. "Also erklär es mir, du Genie. Zunächst gab's eine Alterung; physiologisch entspricht mein Körper etwa dem einer Frau Mitte dreißig, aber dann ... Was ist Geoff? Erklär es, bitte."

 "Nun ... Hhm." Sein Lächeln wirkte etwas hilflos, der Blick der Augen verlegen; er steckte die Hände in die Hosentaschen, hob die Schultern. "Wissenschaftlich gesehen ... Nun, ich meine - vordergründig dürfte es mit deinen Eltern zusammenhängen."

 Suzan verbarg ihr Lächeln und senkte den Blick. Sofort wurde die Stimme des Mannes selbstsicherer, als er sagte: "Wir wissen nicht viel über die Wirkungsweise der Zellaktivatoren; aber es muß Wechselwirkungen mit dem genetischen Kode des Trägers geben. Beide Elternteile waren Aktivatorträger, als sie dich ... ähm, zeugten."

 "Das kann nicht der einzige Grund sein, Liebster." Suzan blieb hartnäckig, sie ahnte, daß ihr Mann eine Theorie entwickelt hatte - und wie viele andere mochte sie auf den ersten Blick etwas verrückt klingen.

 "Ist es vermutlich auch nicht. Aber das hat nichts mehr mit Wissenschaft zu tun. Ich bin mir nicht sicher ..." Professor Doktor Geoffry Abel Waringer schien sich innerlich zu winden, sah die hochgewachsene Frau flehend an und duckte sich, weil ihre Augen wie Eis zu glitzern begannen.

 "Große Galaxis! Manchmal machst du's wirklich kompliziert, Mann!" rief Suzan betont ärgerlich.

 "Genetisch besitzt du" - Er seufzte - "denke ich, das Potential für extreme Langlebigkeit, Liebling, aber dieses Potential bedarf einer äußeren Resonanz, um wirksam werden zu können. Von Atlan wissen wir, daß er, wenn er es fest wollte, anderen mit seinem Aktivator - obwohl das Gerät nur auf ihn justiert ist - helfen konnte. Dazu war es zwar nötig, daß er das Gerät ablegte, trotzdem erscheint es mir ein ausreichendes Indiz dafür zu sein, daß die Aktivatorwirkung interaktiv mit dem Träger verknüpft ist, seinem Wünschen und Denken. Nun, und ich trage seit 2436 Laury Martens Aktivator und ..."

 Wieder zuckte er mit den Schultern und sah auf seine Schuhspitzen. Suzan lachte, legte ihm die Arme auf die Schultern und küßte seine Nasenspitze. "Schaffst du es wirklich nicht, drei kleine Worte über die Lippen zu bringen?"

 "Wie bitte?"

 "Mann! Würde ich dich nicht besser kennen!" Sie kicherte. "Ist deinem betont wissenschaftlichen Denken das Zwischenmenschliche wirklich so unangenehm? Warum sagst du nicht, was du wirklich denkst?"

 "Es ist nicht mehr als ein Gefühl, eine Ahnung. Das hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Und du wolltest eine Erklärung! Zwischen den Zeilen hing sogar die konkrete Frage: Wie lange lebe ich noch? Ich ..." Er verstummte, als sie ihn stürmisch küßte, mit den Händen durch sein Haar fuhr und leise meinte:

 "Ich liebe dich auch!"

 Fünfhundert Jahre hatte die Liebe gehalten, überstand ungetrübt auch Krisen und schwierige Zeiten. Liebe! Waringer schauderte. Einen Beweis besaß er imgrunde immer noch nicht - sofern die Lebensdauer Suzans an sich nicht Beweis genug war -, trotzdem war der Mann in seinem tiefsten Inneren fest davon überzeugt, daß es ihre Liebe war, die Suzan so lange leben ließ, jung, gesund und begehrenswert. Liebe, die so stark war, daß der Zellaktivator reagierte und seine Kräfte gewissermaßen aufspaltete und für beide reichte. Und vermutlich hätte es noch viele Jahrhunderte so weitergehen können, wäre nicht der Panither-Aufstand ...

 Waringer unterdrückte den Gedanken; auch neun Jahre nach den Ereignissen war der Schmerz zu groß, die Verlassenheit und Leere umfassend. Etwas von ihm schien mit Suzan gestorben zu sein - und genau betrachtet, stimmte es sogar wortwörtlich; fortan versorgte ihn der Aktivator alleine.

 "Sicher erinnerst du dich an Arno Kalup, Liebste?!" Waringer drehte die Pfeife zwischen den Fingern; ein Lichtreflex huschte über die Obeliskenbeschriftung wie als Antwort. "Wir haben viel gemeinsam erlebt. Du, er und ich. Jetzt ist er ebenfalls tot. Endgültig. Es ist ein gräßliches Jahrhundert! So viele sind schon gestorben. Zuerst die Mutanten, Mercant. Dann du und Mory. Und nun Kalup. Es wird einsam, Liebste! Unerträglich einsam."

 Der Mann lachte kurz, er klang bitter. Seit neun Jahren kam er mehr oder weniger regelmäßig hierher und sprach mit seiner toten Frau. Hier fühlte er sich ihr nahe, erfaßte einen irrealen Abglanz ihres Seins. Es war eine unbewußte Handlungsweise, um ihn vor Wahnsinn zu bewahren. Mochten die anderen denken, was sie wollten; schon immer hielten sie seine Ideen für mehr oder weniger verrückt. Längst war Waringer anerkannt, der Erste Wissenschaftssenator des Solaren Imperiums. Trotzdem verblüffte er auch heute noch seine Kollegen.

 Vielleicht hätten sie ihn wieder einmal ausgelacht - wie damals, als er, statt den geplanten Gastvortrag an der Raumakademie Terrania zu halten, mit dem nächstbesten Raumschiff von der Erde floh. Suzan folgte ihm damals, riß ihn aus dem Schneckenhaus, in das er sich verkriechen wollte. Ihre Energie riß ihn mit, sie stand zu ihm. Die Heirat auf Plophos, gegen den Widerstand Perry Rhodans am 5. Dezember 2430 vollzogen, besiegelte den Bund. Er hielt fünfhundert Jahre. Was waren da neun Jahre Trauerarbeit, der Versuch langsam Abschied zu nehmen?

 "Kalup ist tot", sagte Waringer tonlos. "Ich denke, ich erzähle dir, wie alles geschah. Was meinst du, Liebste?"

 Wieder glaubte er, ihre Stimme zu hören. Es war nur das Säuseln des Windes und das Pfeifen eines Vogels, aber es war dem Wissenschaftler Antwort genug. Er lehnte sich zu zurück, zündete die erloschene Pfeife an und begann mit leiser Stimme zu sprechen.

 

 * 

"Ein Hydra-Assassine, ins Paratronversuchsgelände auf Luna eingeschleust, sabotierte vor fünfhundert Jahren ein Experiment, weil ihm SolAb-Agenten auf der Spur waren und zu enttarnen drohten. Er wollte möglichst viel Schaden anrichten und wurde ebenso wie Arno vom außer Konrolle geratenen Strukturriß verschlungen. Als Rettungskommandos in die zerstörte Anlage vordrangen, fanden sie Kalup in halbstofflicher Form vor; sein Aktivator war mit der Brust verschmolzen und strahlte wie eine Miniatursonne ..."

 Waringer seufzte, von Erinnerungen überwältigt; für Augenblicke schloß er die Augen. Immer lebhafter wurden die Bilder, fast glaubte er sie greifen zu können. Fassungslosigkeit, Schmerz und Trauer schnürten dem Wissenschaftler die Kehle zu, sein Magen schien zum harten Ball zu verklumpen. Kalup reagierte damals nicht, die Mutanten konnten keine Gedankenimpulse feststellen, allerdings gab es eine hyperphysikalische Emission im ultrahohen Frequenzbereich.

 "Ich äußerte die Vermutung, daß das Phänomen eine Art ›materieller Schatten‹ als Reaktion der Entstofflichung mit den Aktivatorkräften sein könnte. Kalup wurde offiziell für Tod erklärt, sein Aktivator galt als vernichtet; der Hyperphysiker erhielt ein Staatsbegräbnis auf Luna - im Mausoleum wurden aber Überwachungsanlagen installiert, um den Toten weiterhin zu beobachten. Im Verlauf der folgenden Jahre schien sich die Projektionsgestalt immer mehr aufzulösen, wurde transparenter ..."

 Rund dreißig Jahre vergingen, erst dann war es Waringer gelungen, die Grundlagen der Paratrontechnik ausreichend exakt zu erfassen; theoretisch wie praktisch wurde die Nutzung möglich, erste Paratronschirme kamen bei der Solaren Flotte zum Einsatz. Hilfreich bei der Erforschung waren vor allem die Posbis, denen es gelang, die mit der "Haßschaltung" verknüpften Relativschirme zu entschlüsseln und ihre strukturelle Ähnlichkeit mit der Paratrontechnologie zu beweisen.

 "Unsere treuesten Verbündeten", murmelte Waringer. "Während in den Jahren nach der Dolan-Attacke immer mehr Welten vom Solaren Imperium abfielen, eigene Wege beschritten und neue Bündnisse eingingen, standen die Posbis - an der Spitze das Zentralplasma der Hundertsonnenwelt - immer fest zum nur mündlich fixierten Bündnis mit Perry und Atlan. Hhm - nie hatten sie es verwunden, daß mit der beseitigten Haßschaltung auch das Geheimnis der Relativschirme verloren schien. Allerdings zeigte die Aktivierung der zweiten Haßschaltung 2404 durch den Plasma-Agenten der MdI, daß in den Fragmentraumern Hard- wie Software vorhanden sein mußte, wenn auch dem normalen Zugriff der Hyperinpotroniken entzogen."

 Tatsächlich konnten verkapselte Geräteblöcke entdeckt werden. Leider verfügten sie über automatische Selbstvernichtungsanlagen. Und die Industrieanlagen der Posbi-Dunkelwelten waren durch Löschprogramme geschützt, während das "Paßwort" der besonderen Impulsfolge der Haßschaltung entsprach. So wurde eine Erforschung der Relativschirme wirkungsvoll verhindert. Erst nach 2437 eröffnete sich ein anderer Weg: Die von den Uleb erbeuteten Konstruktionsunterlagen hinsichtlich des Zeitfeldes gestatteten es, das Grundprinzip zu erforschen. Später gelang es auch, die Impulsfolge der Haßschaltung zu simulieren, ohne daß die damit verbundenen Negativeffekte aufgetreten wären. Damit gelang den Terranern der Einstieg in die Paratron-Technologie.

 "Ich erkannte, daß bei Kalups ›Unfall‹ - dem Zusammenprall von Paratron-Strukturriß und Zellaktivatorenergie - Effekte auftraten, die einerseits denen glichen, die zur Versetzung der CREST-vier nach M siebenundachtzig führten, und andererseits denen der Para-Arsenale der Zweikonditionierten" - Waringer paffte dreimal und musterte die Glut im Pfeifenkopf - "Mit anderen Worten: Arno war Bestandteil eines eigenständigen Miniaturuniversums geworden, das nur bedingt mit dem Standarduniversum überlappte. Vorsichtiges Experimentieren folgte; schließlich kam es bei erneutem Paratroneinsatz zum umgekehrten Prozeß: Kalup verstofflichte, der Körper wurde wieder materiell stabil, das Leuchten des Aktivators schwächte sich ab. Und dann erwachte der Polterer - er konnte sich an den Zeitraum der ›Hyperraum-Einbettung‹ nicht erinnern."

 Mit der Zeit stellte sich heraus, daß Arno Kalup - inzwischen auch offiziell von den "Toten auferstanden", denn Waringer lieferte eine plausible Erklärung für die Öffentlichkeit - keineswegs endgültig Stabilität erlangt hatte: Die Auflösungseffekte des Paratrons schienen weiterhin aktiv zu sein, Kalup bedurfte eines fast permanenten Integrations-Schirmfelds, dessen Erzeugung nur in den Forschungsanlagen auf Luna sichergestellt war. So wurde Kalup zum "Mann im Mond", da er sich bestenfalls kurzfristig für maximal einige Wochen bis Monate von Luna entfernen konnte, wollte er nicht - und diesmal endgültig?! - die erneute Auflösung riskieren.

 Waringer lachte bitter. "Unterdessen forcierte die galaktopolitische Lage: ZGU, Carsual, Fracowitz, Ross und die anderen Nachfolgereiche waren entstanden und umgaben die 4000-Lichtjahre-Kugelschale des Imperiumkerns. Immer wieder kam es zu Unruhen, Zwischenfällen und dergleichen; Atlan und seine USO hatten alle Hände voll zu tun, zumal es nicht die einzigen Schwierigkeiten waren. Neue Völker wurden entdeckt, neue Krisenherde zeichneten sich ab ... Es war eine hektische Zeit, wie du dich bestimmt erinnern wirst, mein Schatz."

 Die ab etwa 2500 massiv in der Solaren Flotte eingesetzte Paratrontechnologie sicherte dem Solaren Imperium zwar die militärische Vormacht, aber insgesamt blieb es ein "heißer Frieden", da die aus den ehemaligen Kolonien hervorgegangenen Nachfolgereiche massiv expandieren. In den folgenden vierhundert Jahren machte die technische Entwicklung - von Kalup und Waringer vorangetrieben - auf vielen Gebieten beachtliche Sprünge; insbesondere die Hinterlassenschaften der Lemurer boten breiten Forschungsraum - naturgemäß wurden aber auch die anderen Sternenvölker von diesem "Run" angesteckt, und Technologiespionage war an der Tagesordnung.

 "Spätestens mit der Rebellion auf Ertrus im Juli 2841 wurden die Zeichen auf Sturm gestellt. Perry stand vor der langfristigen Wahl, hart durchzugreifen, oder einen anderen Weg zu gehen. Mit Ausbruch der First-Genesis-Krise 2907 kam es zur Ausformulierung des Fünfhundert-Jahresplans." Waringer klopfte die Pfeife aus. "Grundlage war die längst übers Versuchsstadium hinausgegangene Forschung hinsichtlich des Zeitfeld, fortan ATG genannt - Antitemporales Gezeitenfeld - und im Fünfhundert-Jahresplan als ›Fall Laurin‹ fixiert. 2908 wurde mit dem Bau der Anlagen auf Merkur begonnen, Mercant gelang es, den wahren Zweck zu verschleiern. Schließlich kam der vierten März 2909, der Höhepunkt der Second-Genesis-Krise: Die besten Leute starben, Zellaktivatoren wechselten reihenweise den Besitzer. Es war grauenvoll! Wir alle stürzten uns in die Arbeit, und so konnte schon nach sechs Jahren der Vario-fünfhundert fertiggestellt werden, der in Zukunft noch eine wichtige Rolle auf Olymp spielen wird."

 Konsequenz der abfallenden Kolonien und die hohe Anzahl der sogenannten "Systemautarken" war die Einleitung einer Verfassungsänderung; die Kolonien, autarken Reiche und die lediglich in wirtschaftlicher Hinsicht von Terra abhängigen Welten sollten nicht länger den Großadministrator wählen; überdies wurde das Amt nicht mehr von den Parlamentsmitgliedern, sondern von den Menschen in direkter Personenwahl vergeben.

 Als am 30. April 2930 die Verfassungsänderung in Kraft trat, nach der ausschließlich im Solsystem beheimatete Menschen zur Wahl des Großadministrators berechtigt waren, verschärfte sich die Lage fast über Nacht. Der Abfall weiterer Kolonien wurde noch forciert, überall zeigte man sich empört - und hatte doch nur das eigene Süppchen im Auge. Es kam zu Ausschreitungen, Unruhen, Streiks und Boykotten, aber nach wenigen Monaten beruhigte sich scheinbar die Lage.

 "Es sollte nur die Ruhe vor dem Sturm sein! Denn die vorgeschobene Brückenkopflage des Eugaulsystems wurde zum Bumerang für Mory Rhodan-Abro: Sie hatte politische Argumentationsschwierigkeiten, weiterhin Plophos' Loyalität zum Solaren Imperium darzulegen, wo doch die Plophoser selbst nicht einmal mehr zur Wahl des Großadministrators zugelassen waren. Schon Mitte des neunundzwanzigsten Jahrhunderts hatte die extremistische Panithergruppe den Sturz der Regierung angestrebt, war damals aber noch nicht als gefährlich, sondern nur als ›lästig‹ eingestuft worden. Die auf dem Planeten Panith Siedelnden - eine Sekundärkolonisation der Plophoser zu der zweihundertachtundvierzig Lichtjahre von Plophos entfernten Welt - knüpften Kontakte zu den Mitgliedern der Splitterpartei von Eugauls Star; unter ihnen die wichtigsten Funktionäre des Geheimbundes ›Schwarzer Stern‹, dessen Ursprünge bis zu Iratio Hondro zurückreichten."

 In der zweiten Hälfte des Jahres 2930 erfreuten sich Panither und die Eugauls Star-Partei eines gewaltigen Zulaufs. Es war absehbar, daß sie bald die Bevölkerungsmehrheit - zu dieser Zeit zählten 117 Sonnensysteme zum plophosischen Bund - hinter sich vereinen würden, trotz oder gerade wegen der charismatischen Ausstrahlung Morys. Was für Jahrhunderte ihr Vorteil gewesen war, verkehrte sich nun abrupt ins Gegenteil: Ihre enge Bindung an Perry Rhodan, ohne daß es verfassungsrechtliche Verknüpfungen gegeben hätte.

 "Immer lauter wurde Mory zum Rücktritt aufgefordert. Weder SolAb noch USO erkannten die Zeichen der Zeit; mehr als fünfhundert Jahre prägten - lange vorbereitet und im geheimen abgesprochen lief die Planung des Panither-Aufstandes." Waringer schluckte und fuhr sich übers Gesicht. "Der Ausfall der Mutanten machte sich gravierend bemerkbar, zumal die Mooffs der USO zu auffällig und aufgrund ihrer Überlebenstanks auch schwer einsetzbar waren, wenn es sich um telepathische Ausspähung dieser Größenordnung drehte. Überdies beschäftigte man sich auf Terra intensiv - wie wir heute wissen zu intensiv - mit dem Fünfhundert-Jahresplan. Langfristige Entwicklung und Handlung vor Augen, wurde der Nahbereich unterschätzt. Morys Anwesenheit auf Plophos wiegte uns in gefährlicher Sicherheit. Ende Februar 2931 brach der Aufstand wie der Ausbruch eines Vulkans über Plophos herein und ..."

 Die Stimme des Wissenschaftlers brach, heiseres Schluchzen erklang. Die Holovisionbilder hatten sich unauslöschlich in Waringers Gedächtnis gebrannt: Mordender und plündernder Mob in den Straßen, brennende Gebäude und Gleiter, Ruinen, Rauch, Strahlschüsse. Leichen!

 Guckys Eingreifen erfolgte zu spät, allein konnte auch der Ilt nicht Millionen bändigen - er wußte weder Morys Ermordung noch die ihrer Tochter zu verhindern, rettete allerdings den Zellaktivator, den er später selbst erhielt. Noch nie hatte Waringer den kleinen Mausbiber so gebrochen erlebt, ein Schatten seiner selbst, der sich in Vorwürfen erging und den Kopf zerbrach, was er anders und besser hätte machen können. Waringer erlebte die Tage in Trance; kaum daß er sich an die erschütternden Szenen beim Staatsakt erinnerte, als die beiden Särge auf Antigravkissen von der Laderampe glitten und - flankiert von Abermillionen - quer durch Terrania schwebten. Perry Rhodan salutierte mit versteinertem Gesicht, grau, uralt, härter als jemals zuvor, vor allem sich selbst gegenüber.

 Der Aufstand der Panither war zwar erfolgreich, aber nur mit Hilfe verschiedenster Gruppierungen möglich gewesen, die - mit Erreichen des "Ziels" - untereinander zerstritten um die Macht rangen. Eine Einigung kam nicht zustande, zumal die Sympathie der aufgeputschten Bevölkerung deutlicher Ernüchterung und Scham wichen, nachdem Morys Ermordung publik wurde. Die meisten Welten des plophosischen Bundes beschlossen, eigene Wege zu gehen, distanzierten sich von Mord und Terror; intern eigenständig, bei gleichzeitiger Ablehnung terranischer "Ratgebung" in außenpolitischen Angelegenheiten, blieben sie trotzdem Terra nahestehend. Nur Plophos selbst und Panith bildeten fortan eine Zwei-Planeten-Koalition, wenn auch ohne großen Einfluß - und mit dem Makel behaftet, Rhodans Frau und Tochter ermordet zu haben ...

 Geoffry Abel Waringer, am Boden zerstört, brauchte lange, um sich vom Schicksalsschlag zu erholen, konzentrierte sich zur Ablenkung voll auf die Arbeit. Er bemerkte zu spät, daß Arno Kalup immer häufiger Auflösungserscheinungen - trotz Integrations-Schirmfeld - zeigte und schließlich, fast exakt fünfhundert Jahre nach dem "ersten Unfall", endgültig "verwehte". Der neue Abwehrchef Galbraith Deighton beschloß, das Ereignis als Aufhänger zu benutzen, und verwendete "Alt-Material", um Kalups Tod zu erklären - und um durchsickern zu lassen, das Sonnensystem solle in einen Paratronschirm gehüllt werden. Waringer schloß seinen Bericht:

 "Auf diese Weise kann das ATG-Projekt vermutlich weiterhin wirkungsvoll geheimgehalten werden ..."

 

 * 

Wie als Reaktion auf die Worte erfaßte heißes Pulsieren den Zellaktivator. Fast schmerzhaft wurden die Wellen, ein gleißendes Licht breitete sich vor Waringers Brust aus. Der Mann bemerkte nicht, daß ihm die Pfeife aus den Fingern glitt und über den Kies klickte.

 Aus zusammengekniffenen Augen starrte er auf die vorfingernde Erscheinung, die im Zellaktivator ihren Ursprung hatte und einen lichterfüllten Tunnel zu formen schien. Eiswind jaulte und zerrte an Waringers Haar. Vage erschien eine Silhouette in der Ferne, ein Schattenriß, zu dem sich ein zweiter gesellte; größer, korpulenter, von den Konturen her aber trotzdem eindeutig.

 Der Wissenschaftler schüttelte verwirrt den Kopf und hauchte ein ungläubiges: "Arno ...?"

 Der Schatten mitten in blendender Helligkeit hob den Arm, wurde kleiner und verschwand. Im Gegenzug schien die zweite Silhouette näher zu treten, gewann Räumlichkeit und Farbe. Waringer traute seinen Augen nicht: Er sah Suzan! Ganz deutlich erkannte er ihre schlanke Gestalt, das blonde Haar, die grauen Augen. Sie lachte, Falten erschienen auf ihrer Nase. Eine Erinnerung: "Krausnase" hatte Julian Tifflor sie stets genannt, ein Spitzname, der noch aus ihrer Kindheit stammte.

 "Suzan!" Waringer schrie gellend, streckte die Hand aus.

 Er bemerkte Wehmut im Gesicht der geliebten Frau, aus ihren Augen aber sprang Zuversicht und Aufmunterung auf ihn über. Fast zum greifen nah war sie jetzt, wenige Millimeter, und er hätte ihr Gesicht streicheln können. Waringers Zellaktivator trommelte im rasenden Takt; er roch ihr Parfum, glaubte ihre Wärme zu spüren - und plötzlich wich sie zurück, lächelnd, die Arme halb erhoben. Das Licht umfächelte ihren Körper wie ein Schleier aus Goldfäden. Glitzern hüllte sie ein, und bevor sie im Lichttunnel verschwand, sah der Mann die Kußhand, die sie ihm zuwarf.

 "Wahnsinn!" flüsterte er und schloß die Augen.

 Als er sie nach Sekunden wieder öffnete, verwirrt, sprachlos, ungläubig, beruhigte sich das Pulsieren des Zellaktivators, und von der Erscheinung war nichts mehr zu bemerken. Still und normal breitete sich der Friedhofspark aus. Waringer wischte eine Träne aus dem Augenwinkel; es mußte am eisigen Wind liegen, der ihm ins Gesicht biß. Schon schien der wissenschaftliche Verstand wieder Oberhand zu gewinnen; es mußte ein Trugbild gewesen sein, eine Halluzination. Überreizte Nerven. Waringer bückte sich und hob die Pfeife auf, fest entschlossen, niemandem von seinem "Erlebnis" zu berichten.

 Und dennoch: Suzans aufmunterndes Lächeln gab ihm Kraft. Auch das Loslassen mußte möglich sein, der Abschied. Waringer fühlte neue Kraft in sich aufsteigen, Beklemmung und Trauer schienen wie fortgewischt.

 Ja, ein Abschied - endlich war es ihm gelungen.

 

 * 

Aus: ENZYKLOPÄDIA TERRANIA - Persönlichkeiten des Solaren Imperium

 ... Nach den Wirren der Larenkrise des Jahres 3460 (Fall Harmonie, Flucht der Erde) wurden auch bislang als TOP SECRET klassifizierte Berichte und Daten NATHANS, durch die Übertragung auf die sog. "Teillaster" und anschließender Reintegration in NATHAN, Gäas Historikern zugänglich; auf diese Weise erklärt sich, weshalb es - nachdem mit dem Unternehmen PILGERVATER Terra wieder besiedelt war - in den historischen Aufzeichnungen zu den unterschiedlich genannten Todesdaten Kalups kam, die fortan quasi parallel nebeneinander genannt wurden ...

 

 ENDE 

© Rainer Castor, 1996