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Rainer Castor: “Ich fordere den Leser!“

 

Ein Interview von Klaus Bollhöfener  (in: STERNENFEUER 6, 1996)

 Klaus Bollhöfener: Wann und wie bist Du mit der Science Fiction in Berührung gekommen?

 

 

Rainer Castor: Ziemlich früh – einerseits durch die Erstausstrahlung von RAUMPATROUILLE ORION 1966 (Übernachtungen bei der Oma waren damals stets mit entsprechendem TV-Höhepunkt verbunden), zum zweiten durch die reale Raumfahrtentwicklung in den 60er Jahren: fasziniert erlebte ich den Weg zum Mond mit und lag 1969  vor dem Fernseher, als Neil Armstrong seinen ersten Känguruh-Hüpfer machte. Naturwissenschaften und Technik lagen mir schon immer. Von da war's eigentlich nur noch ein kleiner Schritt zur „Extrapolation Richtung  Zukunft“ – sprich zur Science Fiction, wobei die Betonung eher auf Science lag und immer noch liegt. Nix gegen Fantasy, im Gegenteil – aber Ausgangspunkt war und ist für mich Naturwissenschaft und Technik.

Wie ging's mit Science Fiction weiter? 2001 - ODYSSEE IM WELTALL war ganz sicher ein Meilenstein, Anfang der 70er begann ich Rhodan zu lesen, Interessantes war auch in den damaligen ZACK-Comics zu finden,  hinzu kamen Sachbücher der ganzen Sparte und so weiter und so fort.

 

K. B.: Wie kam es schließlich dazu, daß Du selbst zum Schriftsteller wurdest?

 

R. C.: Auch hier liegen die Anfänge ziemlich weit zurück: Ich habe schon alte Kalender meines Vaters von vorne bis hinten vollgekritzelt, als ich noch nicht mal schreiben konnte, und der Wunsch, möglichst viele Bücher zu haben, war höchst intensiv, bevor ich überhaupt lesen konnte. Daß ich nach der Einschulung dann zunächst einige Schwierigkeiten hatte, ist ein anderes Thema, und noch auf der Realschule habe ich meine im allgemeinen guten Aufsätze durch katastrophale Rechtschreibung und Zeichensetzung regelmäßig um mindestens eine Note gedrückt. Ein erster Schreibversuch stammt aus der Grundschulzeit: Der Anfang eines Krimis, wenige Seiten, nie vollendet... Der nächste Schritt kam nach Beginn des Rhodan-Lesens; hier hat was nicht gefallen, dort gab's eine plötzliche Idee – da war der Schritt zum Selbstschreiben nicht sonderlich weit. Schließlich – gewissermaßen als Initialimpuls – die Anregung der Deutschlehrerin, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden: So ließe sich bestimmt die Benotung verbessern... – und mit der Zeit hat's tatsächlich was gebracht, nicht nur was die Noten betrifft. Ende der 70er konnte ich schon auf ein Manuskript-„Epos“ von rund 2.500 Seiten zurückblicken – ein Werk, das mich, über mehrere Bearbeitungs- und Verbesserungsstufen, bis heute verfolgt und es wohl auch noch weiterhin tun wird - nun allerdings mit dem Ziel der Veröffentlichung... Damals war das alles nur für den Hausgebrauch gedacht; der Wunsch, die Dinge unters Volk zu bringen, kam erst Anfang/Mitte der 80er, verbunden mit einem mühsamen Weg voller Standardabsagen, Bangen und Hoffen, Phasen der Resignation, stehaufmännchenhaftem Aufbäumen, diversen Jobs –ums „Hobby“ einerseits zu finanzieren, zum anderen aber genügend Zeit  zum Schreiben zu haben –, verbissenem bis sturem Durchhaltewillen und was der Dinge mehr sind, die vermutlich den Lebenslauf vieler Berufskollegen bestimmen (sofern man nicht das unverschämte Glück hat, gleich einen Bestseller zu landen; dürfte aber wohl die Ausnahme sein). Das ans Positive Denken gemahnende Wissen, es irgendwann zu schaffen, war in dieser Zeit sicher hilfreich – aber vielleicht bedarf es in der Tat dieser Ausdauer  und „Selbstsicherheit“, sonst braucht man gar nicht anzufangen, wer weiß?

 

K. B.: In Deinen bisher erschienen PERRY RHODAN-Taschenbücher „Für Arkons Ehre“ und „Die Macht des Goldenen“ spielt der vieltausendjährige Arkonide die Hauptrolle. Was fasziniert Dich an dieser Figur?

 

R. C.: Schwierige Frage – Faszination ist, egal um was es sich dreht, ganz einfach da. Sie zu  begründen, bleibt stets unvollkommen. Das „vieltausendjährige“ ist sicher ein Grund, weshalb mich dieser ATLAN fasziniert, sein Lebenslauf und Werdegang durch diese gewaltige Zeit. Hinzu kommt wohl auch ein  archetypisches Motiv, das in dieser Figur umgesetzt wird: das des (Märchen-, hier Kristall-)Prinzen. Verbunden damit die grundsätzlichen Charaktereigenschaften, das unglaubliche Durchhaltevermögen über die ganze Verbannungszeit auf der Erde hinweg, schließlich auch seine Herkunft aus ebenfalls archetypisch feudaler Gesellschaft.

Hier spielen viele Dinge hinein. ATLAN hat ganz einfach das gewisse Etwas, oder um ein heute weniger gebräuchliches Wort zu verwenden: Charisma.

 

K. B.: Über Atlan hast Du einmal gesagt: „Im Gegensatz zu Perry himself wirkt Atlan auf mich weniger steif, hat mehr Ecken und Kanten und eine klarere Ausstrahlung.“ Nun wurde ja auch schon von Leserseite oftmals bemängelt, daß die Zellaktivatorträger zu blaß charakterisiert werden. Wie würdest Du beispielsweise einem Perry Rhodan mehr Profil verleihen?

 

R. C.: Ein guter Ansatz ist im neuen Zyklus durch die Ich-Erzählweise vorhanden; eine Darstellungsform, die ich sowieso bevorzuge und die ich wohl auch verwenden würde. Das Blaße in der Darstellung kommt aber auch daher, daß die ZA-Träger für meine Begriffe –  und wohl auch für viele Leser – ganz einfach zu sehr wie Mr. und Mrs. Otto-Normal handeln und vor allem reden. Da  schimmert zu wenig von ihrer Lebenserfahrung durch. Von dem, was die Figuren im Laufe der Zeit an Ausbildung – man denke nur an Hypnoschulung! – genossen haben, ganz zu schweigen. Sicher ist es schwierig, in einer  Heftromanserie solches umzusetzen, aber bei den sogenannten Randfiguren gelingt ja durchaus eine treffende Charakerisierung und Darstellung. Da sollte es auch bei den ZA-Trägern möglich sein – sie dürfen vor allem nicht  zu bloßen Stichwortgebern in zum Teil haarsträubenden Dialogen verkommen; mehr rhetorisches Geschick, Mehrdeutigkeiten, Ironie, Andeutungen zwischen den Zeilen, weniger Banalitäten...

Mit Perry himself habe ich in der Tat gewisse Probleme, weil er schon in seiner grundsätzlichen Anlageform eben etwas steif daherkommt. Bei ihm vermisse ich – im Gegensatz zu Atlan – das Charisma; zu häufig wurde auch das  „kam-sah-siegte“-Muster verwendet, innere Konflikte und Gebrochenheit fehlen meist ganz. Du merkst, ich weiche der Beantwortung Deiner Frage etwas aus: zum Temperamentbolzen Bully, zum kühlen Tek, selbst zu Tiff fiele mir bestimmt eine passende Umsetzung ein, vor Perrys „Profilverleihung“ schrecke ich etwas zurück, weil mir die Figur von vornherein ein bißchen zu wenig sagt. Trotzdem ein Versuch: Ich-Erzählweise, innerer  Monolog/Gedanken/Emotionen/Erinnerungen; nicht zu vergessen, daß auch hier mehrtausendjährige Erfahrung und Ausbildung vorhanden ist, eine lange politische Karriere; prägend auch der ursprüngliche Risikopilot, das  Militärische (immerhin Major), die Mondlandeerfahrung... Vermutlich würde ich plötzliche Assoziationen einzubauen versuchen: Szenen als Großdadministrator vorm Parlament oder bei Empfängen, Hinweise auf die lange Ehe und Verbundenheit mit Mory, Erfahrungswerte aus Aufbau und Untergang des Solaren Imperiums – kurz: jemand, der eine Geschichte hat, persönliche Erlebnisse, einen greifbaren Lebenslauf.

Das scheint mir nämlich das Hauptmanko bei der Darstellung der ZA-Träger zu sein: Sie kommen sonderbar neutral bis leblos daher, scheinen einen Background wie ein Neugeborenes zu haben – und bleiben somit naturgemäß blaß. Im Gegensatz zu jedem anderen scheinen sie keine prägende Erlebnisse zu haben, das, was in dieser oder jener Situation aufblitzt und den Nerv trifft und somit auch die Reaktion und Handlung in der entsprechenden Szene bestimmt. Hier machen sich wohl die Gesetzmäßigkeiten einer Heftserie im negativen Format bemerkbar: Die Haupthandlungsträger müssen von allen Teamautoren dargestellt und verwendet werden können; wenn nun ein Autor beginnt, gewisse Ecken und Kanten hervorzuheben, könnte das zu Widersprüchen führen, sobald der nächste Autor sich an die Arbeit macht.

 

K. B.: Im Vorwort der Atlan-Buchreihe wird regelmäßig ein gewisser Rainer Castor als Datenrechercheur lobend erwähnt. Wie hast Du Hanns kennengelernt und wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

 

R. C.: Begonnen hat's Anfang der 80er, als ich – zu einem Zeitpunkt, als die zweite Staffel der Atlan-Zeitabenteuer angelaufen war – zunächst, pedantisch wie ich bin, alle nur auffindbaren „Erinnerungsandeutungen“ der Hefte, Taschenbücher usw. zusammenstellte, mit der einen oder anderen Andeutung versah und zur Post brachte. Damals schon von ATLAN fasziniert, war ich sogar so frei, drei Zeitabenteuer  selbst zu schreiben, die zunächst über Willi Voltz an Herrn Schelwokat gingen. Ich kann mich „rühmen“, einen Absagebrief von ihm erhalten zu haben, unter anderem mit der Bemerkung, Zitat: „...mit Freude festgestellt, daß Sie sich in der PR-Materie recht gut auskennen...“ Und natürlich fehlte nicht die obligatorische Abschlußbemerkung, Zitat: „Allerdings müßten Sie noch Ihre Schreibe (auch Zeichensetzung und Orthographie) wesentlich verbessern...“.

Im zweiten Schritt gingen die Manuskripte an Hanns, dem sie, Zitat: „einen Heidenspaß bereiteten“, und in der Versicherung endeten, er habe „auch ein paar gute Ideen“ erfahren.

 Nun, das war der Anfang. Mehr oder weniger regelmäßig schickte ich ihm fortan Kritiken zu den erschienenen Taschenbüchern, formulierte die eine oder andere Idee oder gab Hinweise. Das ganze gipfelte schließlich im Verbraten auf unnachahmliche Kneifel-Art in Taschenbuch 276, wo ich plötzlich über eine „Siloanlage 5470 A“ stolperte (= alte Postleitzahl von Andernach), einen Roboter RAICASTOR sowie die bemerkenswerte Formulierung:  „Er war verpflichtet, nicht zuletzt aus Selbstschutz, die zentrale Befehlsstelle von dem Ausmaß der geänderten Umstände zu verständigen. Raicastor gab ALARM...“

Auf diese Weise verdichtete sich die Zusammenarbeit, und eine Frühfassung einer „Zeittafel“ entstand zu einem Zeitpunkt, als an eine Hardcover-Bearbeitung noch lange nicht zu denken war, wohl aber zu träumen. Nächster Höhepunkt war mit Taschenbuch 332  erreicht, als Hanns mit Einbindung von MIRACLE alias RING DES SCHRECKENS einen Hilferuf an Wolfram Winkler und mich abließ, Motto: „Leute, ich hab die entsprechenden Atlan-Hefte nicht, könntet ihr...“ Wir konnten,  lieferten passende Ideen gleich mit – doch leider wurde das geplante MIRACLE-Konzept gekippt und auch eine Übernahme in die USO-Geschichten scheiterte: Nur in Taschenbuch 355 ist die entsprechende Passage mit Besuch der Kuppelstation 2115 noch verhanden; die Suchaktion Ricos nach MIRACLE flog aus den beiden folgenden Taschenbüchern raus (nur in TB 367 hat sich eine winzige Passage festgebissen, als Tek sagt, man rechne damit, „daß Abdullah Singh zurückkommt“ – niemand anderes als Rico mit passendem Tarnnamen!).

Im Januar 1992 war ich für einige Tage Gast bei Hanns: lange Diskussionen, guter Rotwein, Durchsprechen der weiteren USO-Taschenbücher (unter anderem ist die Umwandlung der IV-Vecorat in Schmetterlinge auf meinen Mist gewachsen) usw.usw. – that's it.

 

Wie hat man sich Dein – ich zitiere Hanns Kneifel – „ricoähnlich kolossales Archiv“ vorzustellen?

 

Schriftverkehr aus mehr als 10 Jahren, dazu viele Dateien auf Festplatte, nicht zu vergessen natürlich die entsprechenden Geschichtsbücher... Passend  bearbeitet, umformatiert und ergänzt wird die Vorläuferversion der „Zeittafel“; Vorabausdrucke gehen per Fax hin und her, die endgültige Fassung per Post. Viel Telefonieren kommt dazu, schließlich auch Gegenlesen von  Manuskripten bzw. Druckfahnen. Inzwischen hat sich die Zusammenarbeit eingespielt – bei den ersten Hardcovern gab's noch gewisse Unstimmigkeiten, zum Teil auch aus unerfindlichen Gründen erst beim Druck aufgetreten. Nun, niemand ist perfekt – nicht mal RAICASTOR...

Unter den Begriff „ricoähnlich kolossales Archiv“ fällt allerdings auch das, was weniger in die Hardcover-Bearbeitungen hineinspielt, als vielmehr zur weiteren Planung der USO-Abenteuer gedacht war und mittlerweile auch von mir selbst verwendet wurde: Jener dicke Ordner, der in gewissen Fankreisen unter dem Begriff „Grobraster“ bekannt ist und zu dem Heiko Langhans im  Vorwort der „Jahrmillionenchronik“ das eine oder andere zu sagen hat...

 

K. B.: Michael Thiesen schrieb zu Deinem Taschenbuch „Für Arkons Ehre“: „Wer mit Sorgfalt liest, kann auf jeder zweiten Seite eine Anspielung auf einen Heftroman oder ein Taschenbuch finden.“ Die sogenannten „Altleser“ wird das sicherlich freuen, aber besteht da nicht auch die Gefahr einen „normalen“ Leser mit dieser Detailflut zu ertränken?

  

R. C.: Ein heikles Thema; diesbezüglich liege ich auch mit Klaus N. Frick ein bißchen im Clinch – er führt meine Taschenbücher unter der Rubrik „Hard-Core“.

Ich persönlich bin nicht ganz davon  überzeugt, daß die „Detailflut“ den normalen Leser „ertränkt“. Zum einen spielt mit hinein, daß bei den beiden Taschenbüchern als Berichterstatter Atlan fungiert, der – wenn man ihn richtig darstellt! – eigentlich permanent von „Querverweisen“ heimgesucht und durch den Extrasinn erinnert werden dürfte. Zweitens ist der Aha-Effekt der Altleser zwar erfreulich, aber – und hier bin ich anderer Meinung als Klaus N. – fürs Verständnis des oder der Romane(s) nicht erforderlich; es handelt sich vielmehr um sich selbst erklärende Andeutungen, die etwas mit Dichte und Stimmung eines Romans zu tun haben! Klaus N. Frick vertritt zum Beispiel die Ansicht, zum Verständnis sei die Kenntnis von hunderten Heften, zumindest aber des ganzen MDI-Zyklus vonnöten. Ich bin anderer Meinung. Hierzu ein Beispiel: In Taschenbuch 402 wird bei der Vorstellung Fähnrich Bogins auf eine Bendokat-Affäre Bezug genommen; nun, diesen Querverweis wird niemand irgendwo entdecken können, weil von mir erfunden! In der gleichen Weise sind alle Anspielungen aufgebaut: Sie erklären sich selbst, das heißt wenn Atlan in dieser Situation an jenes denkt und sich erinnert, ist es von mir bewußt so formuliert worden, daß es zunächst als Fakt für den Leser steht – wenn sich „Altleser“ darüber hinaus an die entsprechende Passage in Heften oder Taschenbüchern erinnern, um so besser – das ist aber nicht das Maßgebliche. Also – Dieses ist so, jenes war dann und dann so, X hat zum Zeitpunkt Y etwas erlebt usw. - Fakt und Punkt! Eine grundsätzlich grobe Kenntnis des PERRY RHODAN-Kosmos wird hierbei natürlich vorausgesetzt, das ist klar (ich kann nicht anfangen, einen Desintegrator zu erklären, um's kraß zu sagen), mehr aber auch nicht.

Mein Bruder – nebenbei mein schärfster Kritiker, damit keine Mißverständnisse auftreten! – hat vor vielen Jahren mal die Serie bis etwa zum MDI-Zyklus gelesen, ist dann aber ausgestiegen und hat  seither mit Rhodan nix mehr am Hut. Er hatte mit meinen Taschenbüchern keine Probleme, weil er das, was angedeutet wird, ganz einfach als das genommen hat, als was es gemeint ist: Dinge die zum Text gehören und für sich  selbst sprechen: Es ist eben so – nicht mehr, nicht weniger. Das hat mit „erschlagen“, „ertränken“ oder sonstigen mordlüsternen Attributen herzlich wenig zu tun (Vorsicht: Ironie...).

Wenn's also Probleme gibt, dann weniger wegen den Anspielungen. Denn eines gebe ich unumwunden zu: Ich fordere den Leser! Meine Taschenbücher sind keine Wald- und Wiesen-Texte, seicht dahinblubbernd und gerade dafür geeignet, als Gute-Nacht-Lektüre das Einpennen zu erleichtern! In diesem Sinne ist's in der Tat Hard-Core! Bei mir sollte man auf Seite 93 noch wissen, was man auf Seite 7 gelesen hat; man sollte auch zwischen den Zeilen lesen können, denn nicht alles wird per Holzhammer eingebleut, so daß es offensichtlich ist. Vorausgesetzt wird auch eine gewisse naturwissenschaftliche Grundkenntnis, ebenso die in politische, geschichtliche, kulturelle Zusammenhänge. In dieser Hinsicht gibt's bei PERRY RHODAN deutliche Schwächen, weil zum Teil extrem vereinfachend, um nicht zu sagen naiv.

Also: Die Anspielungen sind als besondere Würze gedacht, dienen unter anderem dazu, die auftretenden Personen – speziell natürlich Atlan als Ich-Erzähler – jenes Etwas zu verleihen, um jeder Gefahr von  Blaßheit vorzubeugen; sie sind Bonbon für Altleser, aber kein Hemmnis für Normalleser. Wenn die geneigten Leser obendrein vielleicht noch über das eine oder andere Nachdenken, sogar in alten Heften nachzublättern  beginnen – was will man als Autor mehr? Erst recht, wenn's Diskussionen auslöst. Inwieweit meine Romane den Lesern gefallen, bleibt hierbei außen vor; es allen rechtzumachen, ist darüber hinaus schlechterdings ein  unmögliches Unterfangen. Die bisher an mich herangetragenen Reaktionen waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, im allgemeinen positiv – und das ist wohl ein Zeichen, daß ich's nicht völlig falsch gemacht haben dürfte...

Interessant ist in diesem Zusammenhang aber auch die Frage an sich, ob nun von Dir oder Michael aufgegriffen oder von anderen diskutiert: Welches Niveau muß da die übrige Rhodan-Lektüre haben, wenn  gute und sorgfältige Recherche solches „Aufsehen“ erregt? Eigentlich sollte man's als handwerkliche Seite voraussetzen können, oder...?

 

K. B.: Ist mit weiteren PERRY RHODAN-Taschenbüchern  aus Deiner Feder zu rechnen und was sind Deine weiteren Pläne?

 

R. C.: An mir soll's nicht liegen – aber es liegt nicht in meiner Hand, dies zu entscheiden.

Daß es ganz allgemein mit den  Taschenbüchern weitergeht, ist zumindest eine erfreuliche Tatsache. Bei vorerst nur sechs Titeln pro Jahr kann sich aber jeder selbst ausrechnen, wie groß die Chance für einen Newcomer wie mich ist, zumindest auf  absehbare Zeit.

Ein weiteres Problem bezieht sich darauf, daß ich gerne mit ATLAN weitermachen würde; das wird aber schwierig, wenn ein Jahr oder mehr zwischen zwei Taschenbüchern liegen – also nix drin mit  Fortsetzungen bzw. Fortführen einmal aufgegriffener Fäden. Da auch die ATLAN-Hardcover dem absehbaren Abschluß entgegenstreben, bleibt abzuwarten, ob bzw. wie häufig überhaupt noch was von unserem unsterblichen  Arkoniden zu lesen sein wird. Auf absehbare Zeit wird nämlich auch Hanns keine ATLAN-Taschenbücher schreiben, weil er anderweitig beschäftigt ist. Aber wie gesagt: an mir liegt's nicht. Ist wohl eher Aufgabe der Leser, mehr CASTOR zu fordern bzw. bei entsprechender Hartnäckigkeit zu bekommen (Schon gut, nicht gleich mit faulen Obst werfen)...

 

 K. B.: Was sind Deine weitere Pläne? An welchen Projekten arbeitest Du derzeit?

 

R. C.: SF-mäßig versuche ich natürlich das eine oder andere Manuskript unterzubringen, spruchreif ist derzeit  noch nichts.

Für Februar 1997 ist das Erscheinen des BLUTVOGT-Romans bei Haffmans angekündigt; sollte eigentlich schon diesen Herbst rauskommen, hat sich aber etwas verzögert: Es handelt sich hierbei um einen Historischen Roman mit einem Umfang von fast 580 Seiten.

Vielleicht ergibt sich auf dem Gebiet „Historischer Roman“ auch noch das eine oder andere; aber auch das ist noch nicht spruchreif. Sollte der BLUTVOGT bei Haffmans gut laufen, wird's dort bestimmt noch mehr CASTORs geben...

 

K. B.: Was machst Rainer Castor eigentlich, wenn er sich mal nicht mit Perry Rhodan  auseinandersetzt?

 

Rhodan ist eigentlich sowieso eher ein kleiner Teil meiner schriftstellerischen Arbeit; begonnene Recherchen für weitere ATLAN-USO-Abenteuer hab ich zum Beispiel abrupt  abgebrochen, als im Frühjahr die Nachricht von der Einstellung der Taschenbücher bei Heyne eintrudelte. Sieht man von den Dingen ab, die mit Hanns'  ATLAN-Hardcovern zusammenhängen, ist PERRY RHODAN also aufs Lesen der wöchentlichen Hefte beschränkt und da hänge ich zur Zeit auch noch einiges hinterher.

In diesem Sommer stand z.B. als Hauptbeschäftigung die Endbearbeitung des BLUTVOGT-Manuskripts an; parallel dazu arbeitete ich an den allgemeinen Science Fiction-Manuskripten. Nebenher, auch das sei erwähnt, hab ich ja auch noch einen Teilzeitjob in einem Privaten Schulungsinstitut als Verwaltungsangestellter; es gibt stets  genügend zu lesen (Mann, die Bücher stapeln sich schon wieder beachtlich, wie ich feststellen muß), und wenn noch Zeit ist, wird sich der eine oder andere Film reingezogen.

Da Deine Frage wohl in Richtung  Hobbies zielt, muß ich gestehen, daß ich natürlich versuche, das Hobby zum Beruf zu machen – da bleibt nicht viel für anderes; also keine Briefmarkensammlung oder so. Es reicht schon seit Jahren nicht mal mehr fürs  Malen und Zeichnen, irgendwie fehlen Muße und Zeit dazu.

 

K. B.: Zum Abschluß noch eine persönliche Frage: Wie ich Deinem Lebenslauf entnehmen konnte, warst Du Zeitsoldat, bist nun aber  anerkannter Kriegsdienstverweigerer.  Wie  kam es zu diesem Gesinnungswandel?

 

R. C.: Begonnen hat's damit, daß man mir mitteilte, ich müsse damit rechnen, ein begonnenes  Studium unter Umständen abzubrechen... Nun, sagte ich mir nach der Fachoberschule, wenn ihr's so wollt, mach ich's anders – und so kam die Freiwillige Truppenwerbung zum SaZ 02 zustande ( übersetzt: Soldat auf Zeit für 2 Jahre). Hierbei hatte man nämlich die Möglichkeit, sich genau jenen Posten aussuchen zu können, auf dem man später saß; in meinem Fall: Stabsdienst bei den Heeresfliegern in Mendig,  nur wenige Kilometer vor der Haustür. Gesagt, getan. Die beiden Jahre glichen eher einem normalen Bürojob denn Bundeswehr, trotzdem war ich froh, als die Zeit vorbei war. Beim allgemeinen Schwelgen in Erinnerungen – meist an der Theke oder bei entsprechenden Festivitäten – wird die mit dem Dienst an der Waffe verbundene Negativseite gerne verschwiegen: das Bedrückende, das mit „Befehl und Gehorsam“ verbunden ist...

 Frohgemut wollte ich dann den alten Plan – Studium Bauingenieurwesen – umsetzen, doch diesbezüglich hat mich die Bundeswehr wohl verdorben; ich war so ziemlich der älteste, als ich mich in die Studentenreihen begab, und in Gegensatz zu den frisch vom Abitur Kommenden hockte ich nicht mit staunend-ehrfürchtig klaffendem Mund den Professoren gegenüber. Konsequenz: Abbruch des Studiums. Zu dieser Zeit setzte sich der Gedanke durch, aus Hobby Beruf machen zu wollen – also die Schriftstellerei. Es folgten diverse Jobs, vieles im Denken wandelte sich. Nun, um's kurz zu machen: Sommer 87, Einberufung zur ersten Wehrübung. Bauchgrimmen beim Antritt. Und  alle Befürchtungen wurden bestätigt: Die Herren meinten, uns etwas besonderes bieten zu müssen. Es sollte nur so krachen und rauchen, und es sollte entsprechend „Spaß machen“. Gallebitterer Geschmack, und ein rasch reifender Entschluß die Folge. Hier war nichts mehr von Heeresfliegern zu merken, das war eine Kampfeinheit mit allem drum und dran, die Grundausbildung dagegen harmlos... Besonders erschreckend: Wenn's mit Feuerstoß und 50er-MG-Gurt gegen Pappkameraden ging, gab's im Augenblick des Abdrückens keine Empfindung. Statt Pappe hätt's auch eine reale Person sein können. Druff und weg; soll ja „Spaß machen“. Erst später das Nachdenken – und tiefes Erschrecken. Was mach ich hier überhaupt? Wer spinnt denn hier? Ich oder die, die von „Spaß“ reden? Erste Diskussionen am abendlichen Lagerfeuer. Befremden bei den anderen. Dann noch die eine oder andere Streßsituation, knapp am Rande der Befehlsverweigerung. Als Höhepunkt - natürlich: „Ein besonderer Spaß“ – Handgranatenwerfen. Scharfe Eier, wohlgemerkt, nix Übungsgranaten und so. Scheiße!

Verstärktes Aufatmen, als endlich wieder zu Hause. Mehrmals drüber geschlafen – dann der entsprechende Wisch zum Kreiswehrersatzamt: Kriegsdienstverweigerung! Durchziehen, egal was kommt. Nur keine zweite Wehrübung, nur nichts mehr mit der Bundeswehr zu tun haben... – Problem bei der Sache: als SaZ 02 hatte ich, bei Anerkennung, automatisch alles hinter mir; ein W15er hätte damals noch drei Monate Zivildienst nachleisten müssen, ich aber hatte ja schon derer 24 hinter mir. Dementsprechend besetzt war der Ausschuß; erste Verhandlung: abgelehnt. Also nächste Instanz; mit allen Regeln der Schreibkunst wurde die Ablehnungsbegründung zerpflückt und auseinandergenommen. Bei der zweiten mündlichen Verhandlung wollte ein Beisitzer mir daraus sogar einen Strick drehen, Motto: „Sie mit Ihrer Bildung und Ihren Kenntnissen, da fällt's leicht, passende Begründungen zu formulieren“. Pustekuchen – ich konnte sie auch durch meinen zwischenzeitlichen Lebenslauf untermauern. Und außerdem – was heißt „mit Ihrer Bildung und so weiter“? Es kann ja wohl nicht zu meinen Nachteil ausgelegt werden, daß ich sie habe, oder? Nun, nachdem ich mich noch eine halbe Stunde oder so mit dem Vorsitzenden übers Schriftstellern unterhalten und die Nach- bzw. Vorteile vom Gebrauch eines Diktafons durchgehechelt hatte, die höfliche Aufforderung, bis zur Verkündung auf dem Gang zu warten. Dann wieder hinein: Starres Gesicht, nix anmerken lassen - und geschafft! Das Steinchen, das mir am 12.2.88 vom Herzen fiel, hat ganz schön gerumst; hätt's den kleinen Zeh getroffen – er wäre platt gewesen...

 

K. B.: Vielen Dank für dieses Gespräch!